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Sterntaler
Aus dem Buch von Heidemarie Schwermer: Das Sterntaler Experiment

Es war einmal ein frommes Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Und weil es von aller Welt verlassen war, ging es hinaus in die Welt.

Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: “Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungrig.”

Es reichte ihm sein Brot und ging weiter.

Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: “Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.”

Da tat es seine Mütze ab gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror.

Da gab es ihm seins.

Und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin.

Endlich gelangte es in einem Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das Mädchen dachte: “Es ist dunkle Nacht, da sieht mich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben”, und zog das Hemd aus und gab es auch noch hin.

Und wie es so dastand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte, blanke Taler.

Und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und es war vom allerfeinsten Linnen.
Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich sein Lebtag.

Wir alle haben die Kraft, die Welt, in der wir leben, zu gestalten und zu verändern. Wir müssen uns nur auf den rechten Weg begeben, wie das Sterntaler-Mädchen.

Dieses Mädchen hat alles losgelassen und ist offen für den jeweiligen Augenblick. Es geht mit wachen Augen durch die Welt und bekommt eine Menge mit, anders als die meisten Menschen, die sich nur um die eigene Achse drehen und nicht mal mitkriegen, was gleich nebenan passiert.

In selbst gezogenen engen Kreisen verkümmern wir, denn wir gönnen uns keinen Spielraum und vertun unsere Zeit mit Nichtigkeiten.

Aber was sollen wir denn tun?
Sollen wir etwa wie das Sterntaler-Mädchen einfach alles stehen und liegen lassen, durch die Welt ziehen uns alles weggeben, was wir haben?

So wörtlich müssen wir das nicht nehmen. Aber loslassen sollten wir schon, uns von Regeln trennen, die alles reglementieren und uns damit einengen. Uns von allem verabschieden, was nicht zu uns passt.

Mit anderen Worten: Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir unser Dasein neu überdenken müssen. Unstimmiges definieren und daraus die Konsequenzen ziehen. Nicht von heute auf morgen. Aber Schritt für Schritt.

Die Werte, die unsere Gesellschaft bestimmen, sind erst in den letzten Jahrhunderten entstanden, es sind Vernunftwerte, durch die im Laufe der Zeit alles verdrängt wurde, was mit Intuition oder Gespür zu tun hat.

Eine Studie, für die eine Gruppe von Wissenschaftlern erforscht hat, in welchen Ländern die Menschen am glücklichsten sind, erbrachte unglaubliche Ergebnisse.

Bitterarme Staaten, in denen es die meisten Naturkatastrophen gibt, verfügen statistisch über das größte Glück.

Die reichen Deutschen rangieren unter den letzten zehn der insgesamt fünfzig Länder.

Das bedeutet wohl, dass Menschen, die wenig besitzen, automatisch enger zusammen rücken und sich gegenseitig helfen, weil es für sie unumgänglich ist.

Es ist das Dilemma des Entweder-Oder. Dabei bietet sich doch das Sowohl-als-Auch an.

Es geht nicht darum, arm oder reich zu sein, unglücklich oder glücklich, sonders es geht darum, Zusammenhänge zu schaffen, in denen die Einzelnen sinnvoll und wahrhaftig leben können, zwischen Geben und Nehmen, Aktivität und Passivität, Schaffen und Ruhen, Handeln und Besinnen.

Und was sollen wir tun, da wir in einer Entweder-Oder Gesellschaft leben? Etwa auf alles Geld verzichten, um neue Freiheiten zu gewinnen? Das wäre gewiss keine Lösung.

Das einzige was uns, jeden für sich, weiterbringen kann ist umdenken. Aktiv werden. Wachsen. Inneren Frieden finden. Veränderungen brauchen einen langen Atem.

Erst müssen wir die Umwege erkennen, auf denen wir uns verlaufen und vertrödeln, müssen erkennen, was alles falsch läuft, um schließlich neue Möglichkeiten des Miteinanders zu entwickeln.

Und es ist keineswegs so, dass wir uns von sämtlichen alten Strukturen trennen müssen.

Man kann sie zu einem Teil des Neuen machen.
Das Sterntaler Experiment

Ein engagiertes Experiment jenseits von Konsum und Kommerz. Ohne Geld leben, geht das überhaupt? Wie viel irdischen Besitz braucht man, um glücklich zu sein? 1996 gab Heidemarie Schwermer Wohnung und Praxis auf und verschenkte, was sie besaß. Was sie zum Leben braucht, ertauscht sie sich seither. Ein ungewöhnlicher Weg - eine Anregung, gängige Wertvorstellungen auf den Prüfstand zu stellen und alternative Formen des Miteinanders zu wagen.