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Die Kunst des Alterns
Reifen und Loslassen
aus dem Kapitel:
Flucht vor der Einsamkeit

Die Einsamkeit scheint heute für immer mehr Menschen eine schreckende Vorstellung oder eine schwer zu ertragende Wirklichkeit geworden zu sein. Besonders alternde und alte Menschen leiden unter der Angst zu vereinsamen oder sind einem Alleinsein ausgesetzt, das unserer Gesellschaft erst langsam bewusst zu werden beginnt.


Sind Einsamkeit und Alleinsein einfach gleichzusetzen?

Wir setzten die Begriffe im Sprachgebrauch oft gleichbedeutend ein, obwohl ein feiner Unterschied zwischen beiden besteht.

Man kann allein sein, ohne sich einsam zu fühlen. Sucht man nicht manchmal sogar das Alleinsein, um ungestört und ohne Ablenkung sich mit etwas zu beschäftigen?
Man kann unter vielen Menschen sein und sich dennoch einsam fühlen. Zum Beispiel wenn die uns umgebenden Menschen uns fremd und gleichgültig sind oder weil etwas Trennendes zwischen uns und ihnen zu stehen scheint.

Offenbar liegt der Unterschied darin, dass Einsamkeit mehr eine innere Befindlichkeit beschreibt, während Alleinsein sich mehr auf äußere Situationen bezieht.

Am Alleinsein können wir also etwas ändern. Die Einsamkeit müssen wir mit uns selbst abmachen. Wir können unsere Einstellung zu ihr verändern, sie verschieden erleben: Gewollte Einsamkeit und verzweifelte Angst und Flucht vor ihr.


Was ist eigentlich das Bedrohliche und Bedrückende an der Einsamkeit? 

Je weniger wir gelernt haben mit Einsamkeit umzugehen, desto quälender und aussichtsloser wird sie von uns erlebt. Das nicht-ertragen-können der Einsamkeit ist oft ein Zeichen uns verbliebener kindlicher Abhängigkeit. Wir haben es nicht gelernt, die Einsamkeit zu ertragen. Stattdessen fliehen wir vor ihr. Wir können die Einsamkeit nicht annehmen, wenn sie uns trifft. Wir versuchen das Gefühl zu betäuben oder zuzudecken. So überwinden wir die Angst nicht, die vor dem Annehmen der Einsamkeit steht. Wir nehmen an, Einsamkeit sei nur Leere, Langeweile, ein Mangelerlebnis.

Doch wir sollten lernen die Einsamkeit zu suchen, denn sie ist eine Quelle des Glücks und der Gemütsruhe (Schopenhauer). Sie bedeutet Stille, Sammlung, Besinnlichkeit, Schweigen, in-uns-hineinhorchen, Selbstbegegnung und Selbstvergessenheit.
Stattdessen sind wir immer auf der Flucht vor uns selbst, vor der Begegnung mit uns selbst, weil wir immer etwas haben wollen, statt etwas zu sein (Erich Fromm).
Wir können aber auch ungewollt zur Einsamkeit gezwungen werden. Durch den Tod eines Partners oder Trennung, durch Krankheit und Alter. Diese Schicksalsschläge und Gewissheiten gehören allerdings zu unserem Leben dazu und wir können gar nicht früh genug beginnen, uns darauf vorzubereiten.
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Die Kunst des Alterns
Reifen und Loslassen
Riemann/Kleespies
ISBN 3-497-01761-2

Kurzbeschreibung

Jenseits von Bevölkerungsentwicklung, Rentendiskussion und Jugendwahn befasst sich dieses Buch mit persönlichen Themen des Alterns - mit Fragen, Sorgen und Hoffnungen, die Menschen in der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit beschäftigen:
- Werden wir neue Freiheiten genießen und das Recht nutzen können, Rollen, Konventionen und Erwartungen verletzen zu dürfen?
- Werden wir die Errungenschaften der Medizin und Technik sinnvoll nutzen können - oder werden sie uns zur Last?
- Wie werden die körperlichen, geistigen und sozialen Veränderungen im Alter erleben - krisenhaft oder als Chance?
Ein weises Buch, das nachdenklich macht - nicht nur ältere Leserinnen und Leser.

Autorenportrait

Fritz Riemann (1902-1979) war nach einem Studium der Psychologie und der Ausbildung zum Psychoanalytiker Mitbegründer des Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie in München (heute: Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie). Dort wirkte er als Dozent und Lehranalytiker und führte eine eigene psychotherapeutische Praxis. Seine Verdienste um die Psychoanalyse brachten ihm die Ehrenmitgliedschaft der "American Academy of Psychoanalysis" in New York. - "Grundformen der Angst" ist das berühmteste seiner Bücher.

Dr. med. Alfred Kleespies ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker; er ist langjährig in eigener Praxis in Berlin und als Dozent und Lehranalytiker am C. G. Jung-Institut, ebenfalls Berlin, tätig.

 
 
Alleinsein lernen und Einsamkeit annehmen

Im Alleinsein kann man seine schöpferischen Möglichkeiten entwickeln, aus der Phantasie gestalten, mit Lust und Liebe ganz ungestört etwas tun. Wir lernen so die Beglückung kennen, die eine intensive und konzentrierte Tätigkeit mit sich bringt. Wir machen neue Entdeckungen an uns selbst und an der Welt. Denn was uns letztlich am Leben hält, ist die Fähigkeit, uns an etwas zu freuen, etwas mit Lust und Liebe zu tun, etwas zu lieben.

Einsamkeit will durchlitten werden. Einsamkeit will angenommen werden. Dann können wir demütiger und menschlicher aus ihr hervorgehen. Wir können lernen, manches loszulassen, was wir meinten festhalten oder erstreben zu müssen. Wir können wesentlicher werden.
Wir können Geborgenheit finden. Geborgenheit in der Natur. Wir können aufmerksamer werden für die Wunder des Lebens. Man braucht Einsamkeit nicht zu fürchten, wenn man die Erfahrung macht, dass man eingebunden ist in den großen Kreislauf des Werdens und Vergehens, in Geburt und Tod, Wachstum und Reife.
Wir können Geborgenheit finden in der Besinnung nach innen. In der eigenen Tiefe. So kann unsere Einsamkeit in ein Aufgehobensein münden, in eine Selbstvergessenheit, in Erlösung.

Wir sollten den Mut aufbringen, uns zu unserer Einsamkeit zu bekennen. Sie ist ein wesentlicher Teil des Menschseins. Das Bewusstsein der Einmaligkeit unserer Individualität, die unvermeidlich immer auch Einsamkeit bedeutet. Vor ihr zu fließen hieße in die Scheinsicherheit kollektiver Angepasstheit zu fliehen.

 

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