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Momo von
Michael Ende
Es war wie eine blinde
Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken
gewahr wurde, wie schnell und immer schneller die Tage dahinrasten,
dann sparte er nur um so verbissener.
Wie ihm, so
ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt und täglich wurden es
mehr, die damit anfingen, das zu tun, was sie "Zeit sparen" nannten. Und
je mehr es wurden, desto mehr folgten nach, denn auch denen, die
eigentlich nicht wollten, blieb gar nichts anderes übrig, als
mitzumachen. Täglich wurden im Rundfunk, im Fernsehen und in den
Zeitungen die Vorteile neuer zeitsparender Einrichtungen erklärt und
gepriesen, die den Menschen dereinst die Freiheit für das "richtige"
Leben schenken würden. An Hauswänden und Anschlagsäulen
klebten Plakate auf denen man alle möglichen Bilder des Glücks sah.
Darunter stand in leuchtenden Lettern: Zeit-Sparern geht es immer
besser Oder: Zeit-Sparern gehört die Zukunft Oder: Mach mehr aus deinem
Leben, spare Zeit! Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus.
Zwar
waren die Zeit-Sparer besser gekleidet als andere. Sie verdienten mehr
Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten missmutige, müde
oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Selbst ihre freien
Stunden mussten, wie sie meinten ausgenutzt werden und in aller Eile so
viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war. So
konnten sie keine richtigen Feste mehr feiern, weder fröhliche noch
ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen. Am
allerwenigsten konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille
überfiel sie die Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem
Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille
drohte. Aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm wie der auf einem
Kinderspielplatz, sondern ein wütender und missmutiger, der die große
Stadt von Tag zu Tag lauter erfüllte. Ob einer seine Arbeit gern oder
mit Liebe zur Sache tat, war unwichtig - im Gegenteil, das hielt nur
auf. Wichtig war ganz allein, dass er in möglich kurzer Zeit
möglichst viel arbeitete. Über allen Arbeitsplätzen in den großen
Fabriken und Bürohäusern hingen deshalb Schilder, auf denen stand: Zeit
ist kostbar - verliere sie nicht! oder: Zeit ist (wie) Geld - darum
spare!
Ähnliche Schilder hingen auch
über den Schreibtischen
der Chefs, über den Sesseln der Direktoren, in den Behandlungszimmern
der Ärzte, in den Geschäften, den Restaurants, den Geschäften und
Warenhäusern und sogar in den Schulen und Kindergärten. Niemand war
davon ausgenommen. Und schließlich hatte auch die große Stadt mehr und
mehr ihr Aussehen verändert. Die alten Viertel wurden
abgerissen und neue Häuser wurden gebaut, bei denen man alles wegließ,
was nun für überflüssig galt. Man sparte sich die Mühe, die Häuser so
zu bauen, dass sie zu den Menschen passten, die in ihnen wohnten; denn
dann hätte man ja lauter verschiedene Häuser bauen müssen. Es war viel
billiger und vor allem zeitsparender, die Häuser alle gleich zu bauen.
Im Norden der großen Stadt bereiteten sich schon riesige Neubauviertel
aus.
Dort
erhoben sich in endlosen Reihen vielstöckige
Mietskasernen, die einander so gleich waren wie ein Ei dem anderen. Und
da alle Häuser gleich aussahen, sahen natürlich auch alle Straßen
gleich aus. Und diese einförmigen Straßen wuchsen und wuchsen und
dehnten sich schon schnurgerade bis zum Horizont - eine Wüste der
Ordnung! Und genauso verlief auch das Leben der Menschen,
die hier wohnten: Schnurgerade bis zum Horizont! Denn hier war alles
genau berechnet und geplant, jeder Zentimeter und jeder Augenblick.
Niemand schien zu merken, dass er, indem er Zeit sparte, in
Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Keiner wollte es wahr haben,
dass sein Leben immer ärmer, immer gleichförmiger und immer kälter
wurde.
Deutlich zu fühlen jedoch bekamen es die
Kinder, denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit. Aber Zeit ist
Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran
sparten, desto weniger hatten sie.
Denn so wie ihr
Augen habt, um das Licht zu sehen, und Ohren, um Klänge zu hören, so
habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle
Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren, wie
die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels
für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und
taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen. - Es gibt
Reichtümer, an denen man zugrunde
geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann.
- Meister
Hora
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Kurzbeschreibung
Eine
gespenstische Gesellschaft "grauer Herren" ist am Werk und veranlasst
immer mehr Menschen, Zeit zu sparen. Aber in Wirklichkeit betrügen sie
die Menschen um diese ersparte Zeit. Als die Not am größten ist und die
Welt ihnen schon endgültig zu gehören scheint, entschließt sich Meister
Hora, der geheimnisvolle "Verwalter der Zeit", zum Eingreifen. Doch
dazu braucht er die Hilfe eines Menschenkindes. Die Welt steht still
und Momo, die struppige kleine Heldin der Geschichte, kämpft ganz
allein, mit nichts als einer Blume in der Hand und einer Schildkröte
unter dem Arm, gegen das riesige Heer der "grauen Herren" - und siegt
auf wunderbare Weise.
Autorenportrait
Michael
Ende wurde 1929 als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende in
Garmisch-Partenkirchen geboren und starb im August 1995 in Stuttgart.
In einer nüchternen, seelenlosen Zeit hat er die fast verloren
gegangenen Reiche des Phantastischen und der Träume für die Kinder wie
für die Erwachsenen zurückgewonnen und wurde mit Büchern wie "Die
unendliche Geschichte" und "Momo" weltberühmt. Er zählt heute
zu den
bekanntesten deutschen Schriftstellern und war immer ein ausgesprochen
vielseitiger Autor. Neben Kinder- und Jugendbüchern hat er poetische
Bilderbuchtexte und Bücher für Erwachsene, Theaterstücke, Opernlibretti
und Gedichte geschrieben. Viele seiner Bücher wurden verfilmt oder für
Funk und Fernsehen bearbeitet. Für sein literarisches Werk erhielt er
zahlreiche deutsche und internationale Preise. Seine Bücher
haben bislang eine weltweite Gesamtauflage von über 20 Millionen
erreicht und sind in nahezu 40 Sprachen übersetzt.
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