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Eine Asthmatikerin auf Reisen

Das einzig Gute an einer chronischen Krankheit sind die Rehabilitationsmaßnahmen!

Das war mir gar nicht so klar, aber nach 4 Wochen in einer REHA-Klinik auf Föhr kann ich dies mit Überzeugung sagen.

Der Weg zur REHA

Ich habe Asthma. Das war lange Zeit kein Problem für mich. Es ist ein leichtes Asthma, ich nehme dagegen Medikamente und das ist soweit okay.
Allerdings gibt es Zeiten im Jahr, zu denen es mir schlechter geht als sonst, vor allem, wenn die Pollen fliegen.

Nachdem wir von unserer langen Fahrradreise zurück sind, werden meine Beschwerden allerdings häufiger und heftiger. Während der Reise hatte ich gar keine Probleme, benötigte keinerlei Medikamente und es ging mir sehr gut. Aber nach einigen Monaten wieder in der Heimat fangen die Beschwerden wieder an: Schlappheit, Heuschnupfen, Müdigkeit, Atemnot.
Und zwar nicht nur in der Pollenzeit sondern immer öfter auch im Winter, bei Kälte und körperlicher Anstrengung.

In den letzten 3 Jahren habe ich im Frühjahr jeweils einen Asthmaanfall.

Olaf hat mich auf die Idee gebracht, ein REHA zu machen und ich schlug dies mal meinem Lungefacharzt vor. Der findet die Idee wohl auch klasse und nun kämpfe ich mich durch einen 10 cm hohen Formularstapel der Rentenversicherung. Dann dauert es ca. 6 Wochen und ich bekomme den erlösenden Bescheid, dass die REHA für die Dauer von drei Wochen genehmigt wird.
Man nennt mir einen ungefähren Termin, alles weitere sollte ich von der Klinik selbst erfahren.


Die Anreise

Am 5. Mai 2006 erhalte ich dann endlich die Einladung nach Föhr.
Am 16.05.2006 soll es losgehen. Ich bin entsetzt über meinen Mut und hin und her gerissen. 3 Wochen weg, ohne Olaf, zu fremden Leuten, in eine fremde Gegend...

Meine Kollegen und mein Chef haben sich natürlich auch gefreut wie verrückt.
Viele sehen so eine REHA wohl als "Kurlaub" - drei Wochen Zusatzurlaub...

Die Tage vor der Abreise sind recht stressig, denn es gibt noch so viele Dinge zu erledigen:
Treffen mit lieben Freunden, lustige Geburtstage, unverzichtbare Sachen besorgen, wichtige Termine bei Ärzten, gelesene und auch noch nicht gelesene Bücher zurück in die Bibliothek bringen, großartiges 75-jähriges Firmenjubiläum bei meinen Eltern, geliehene Koffer mit Klamotten befüllen etc.

Und dann geht es los. Am 16. Mai 2006 um 10.15 Uhr ab Bremen Hauptbahnhof.
Olaf fährt mich bis ans Gleis und alles ist wirklich ziemlich traurig. Abschiede auf dem Bahnhof haben irgendwie so was endgültiges.
Für die 350 km braucht mein Express-Zug fast 6 Stunden.

In Hamburg meint man, man hätte das meiste geschafft, aber dann geht es erst so richtig los. Dreimal muss ich den Zug wechseln, in Hamburg, in Elmshorn und in Dagebühl. Und jeder Zug fährt langsamer und hält öfter als der davor.
In Niebühl geht es dann auf die sandbankumschiffende Fähre nach Wyk.

Föhr ist übrigens eine hübsche Nordfriesische Insel und liegt geduckt und gut versteckt hinter Sylt und Amrum.

www.foehr.de

Die ganze Fahrt über bin ich total vertieft in mein Buch und sehr in diese Welt abgetaucht, so dass ich auf die anderen Neuankömmlinge sehr abwesend wirken muss.
Aber immerhin habe ich es geschafft das ganze Buch auf der Fahrt zu lesen. (Paolo Coelho "Veronika beschließt zu sterben".
Hier geht es, sehr sinnig, um Menschen in einer Psychiatrischen Anstalt)


Die Klinik

Der klinikeigene Bus fährt mich und einige andere mir noch unbekannte Freunde über die Insel in die Klinik nach Utersum.
An der "Pforte" nimmt uns die "Pforten-Frau" freundlich in Empfang und wir erhalten jeder ein eigenes schönes Zimmer und eine freundliche Stationsschwester.

Aus meinem Zimmer habe ich einen ausgezeichneten Blick auf das Meer, aber meistens aufs Watt und auf die Nachbarinsel Amrum.
- Die ist im Gegensatz zum Meer irgendwie immer da!

Erst am nächsten Tag beginnt das Programm: wiegen (58,2 kg), Aufnahmeuntersuchung, EKG, Einführungsveranstaltung vor dem Stationszimmer mit Schwester Syliva. Alles sehr aufregend...

...besonders für Martin. Der arme ist irgendwie total durch den Wind und weiß gar nicht wie ihm geschieht. Wir verabreden uns für den Nachmittag zum Spazieren gehen.

Am zweiten Abend müssen wir uns zum ersten Mal den Behandlungsplan abholen. Die Tage sind vollgestopft mit Anwendungen und Untersuchungen: Blutabnahme, Lungenfunktionsmessung, Vorträge, Arztbesuche, Ergometertraining, Hydro Jet, Kneippen, Bogenschießen, Asthmaschulung, Atemgruppe, Rückenschule, orthopädische Einzelbehandlung, Qigong, Nordic Walking, schwimmen, Visite, wiegen, Autogenes Training, Bauch/Beine/Rücken/Po, Stretch and Relax...

...ein absolut durchgeplanter Tag von morgens um 7 bis abends um 10.

Am Anfang habe ich so meine Schwierigkeiten auch noch die Mahlzeiten irgendwie unterzubringen, denn auch hier bin ich an feste Zeiten gebunden: Frühstück von 7.30 bis 9.00, Mittagessen von 12.30 bis 13.00 und Abendessen von 17.30 bis 19.00 Uhr.

Die ersten Tage schlafe ich zwar gut in dem viel zu kleinen Bett, wache allerdings morgens mit fiesen Rückenschmerzen auf und habe oft grässliche Kopfschmerzen.
Ich habe wenig Appetit und trotzdem immer Hunger. An das ungewohnte Essen muss ich mich noch gewöhnen.

Die Klinik wird im Inselslang auch "Röchel Ranch" genannt und mit dem Bus fährt man "zum Einschluss". Es handele sich immerhin um einen offenen Vollzug, teilt uns der Chefarzt bei einem Vortrag mit.

Das Gebäude ist riesig groß und man hört von dem einen oder anderen Verschollenen. Besonders ältere Damen scheinen mit der notwendigen Orientierung größere Schwierigkeiten zu haben, was die Sache durchaus spannend gestaltet. So kommt es sicherlich vor, dass die eine oder andere mal nicht rechtzeitig zu einer Anwendung eintrifft.

Aber keine Angst davor - man wird gerne mal über die Lautsprecheranlage ausgerufen, damit es alle anderen auch mitbekommen...

Schön ist der klinikeigene Strandabschnitt direkt vor der Tür. Auch bei dem meist schlechten Wetter, dass in den ersten 3 Wochen den Tagesablauf bestimmt, kann ich diesen doch zum Spazieren gehen nutzen.

Stündlich wie das Wetter ändert sich auch mein Gesundheitszustand. Allerdings wird das Wetter mal besser und dann wieder schlechter, meine Lebenserwartung allerdings, wenn man den fleißigen Ärzten glauben will, sinkt schnell dafür kontinuierlich.

Ständig werden neue Krankheiten in mir und an mir gefunden und ich koste immer mal wieder ein neues Medikament.

Es gibt zwei Gruppen von Patienten. Den einen, die kommen, weil sie denken wirklich ernsthaft krank zu sein, wird erzählt, es wäre alles bloß psychosomatisch und sie hätten eigentlich gar nichts und die anderen, die bis dato dachten, es ginge ihnen eigentlich recht gut, werden schnell eines besseren belehrt.

So wird aus meinem leichten Asthma ein mittelschweres, ich erkranke plötzlich an COPD und soll einen Herzfehler haben ?!

Jeden Montag ist Visite bei einem Oberarzt und dem Stationsarzt, der allerdings meist nur schweigend dem großen Meister lauscht, und dementsprechend ist die Stimmung auf der Ranch an diesem Tag meist depressiv.

Niemand ist wirklich zufrieden mit dem mitgeteilten Ergebnis - einige eher entsetzt. Zum Glück gibt es ja all die anderen gleichgesinnten Inhaftierten und ich kann mich heiter ablenken.

Relativ schnell findet sich eine Gruppe zusammen, zu der auch der oben bereits erwähnte Martin zählt, mit der ich sehr vergnügt zusammen bin. Wir machen lange Spaziergänge, ausgiebige Fahrradtouren, spielen zusammen Scrabble oder ein zeitvertreibendes Kartenspiel.
Es dauert nicht lange, da finden wir uns im Speisesaal alle in der gleichen Ecke ein, damit wir auch dort zusammen sitzen. Was nicht ganz einfach ist, denn man muss jeden Umzug mit der Küche absprechen. Doch die sind sehr entgegenkommend und freundlich.

Zuerst noch mit dem Bus, später dann immer öfter mit dem Fahrrad, ausgeliehen von Frau Hansen, erkunden wir die Insel. Es gibt total viele wunderschöne Cafés, die leckeren selbstgebackenen Kuchen kredenzen.
Der Weg dorthin ist im allgemeinen gut ausgeschildert, die Straßen asphaltiert aber klein und der Autoverkehr gering und rücksichtsvoll.
Meist versuchen wir nach der Mittagspause in irgendeines dieser Cafés zu gelangen. Da wir uns dabei oft gegen den Wind stemmen müssen, ist immer ein Stück Kuchen notwendig, um all die hart erarbeiteten feinen Kalorien wieder nachzufüllen.
Die Kuchenstücke sind meist riesengroß und oft noch warm.

Die Häuser, die die Cafés beherbergen sind schnuckelig friesisch, haben häufig einen romantisch angelegten und gepflegten Garten und sind innen richtig kuschelig eingerichtet.
Leider bezahlt man für diesen Luxus auch einen hohen Preis.

Besonders schön fand ich "Stelly Huis" in Oldsum. Ein Café und gleichzeitig Töpferei. Das heißt, man isst und trinkt von/aus selbstgetöpferten Geschirr. Auch der Kuchen ist hier besonders lecker und von innen ist das Häuschen eine Pracht. Es gibt sogar ein kleinen Museum unter dem Dach...

In Utersum waren wir des öfteren in der "Ual Skinne". Hier haben die lustige Teekannen und berauschenden Wein, der "Kleine Butt" gleich gegenüber vermietet sogar winzige Zimmer mit Solarium und in Nieblum gibt es gleich zwei köstliche Eisläden.

Ach was ist das alles lecker!

Ein paar mal sind wir auch in Wyk, der Inselhauptstadt. Hier gibt es alternativen zu den teuren "Frischemärkten" in den Inseldörfern, jede Menge Krams- und Souvenierläden, aber auch schöne Töpferhandwerksgeschäfte, exquisite Teegeschäfte und vornehme Fischrestaurants.

Dennoch, das Schönste an Wyk ist die Fahrt dorthin.

Ob nun am Südstrand entlang und über die Traumstraße oder in die andere Richtig ganz weit über die grüne Deichkrone quer durch quirlige Schafkacke.

Als ich auf Föhr ankomme blüht gerade der Raps und alle Tiere haben kleine süße Babys. Überall kleine Lämmer, Kälber, Fohlen, Küken, Kids und... wie heißen eigentlich die Kinder der Hasen? Häschen? Hätte mein Fotoapparat mitgespielt, dann wäre der jetzt voller niedlicher Babyfotos.

Alles in allem hatte ich mit Holger, Martin, Anja, Manu und all den anderen eine schöne Zeit auf der Insel und ich habe mich super gut erholt. Da ich ja so furchtbar krank bin, bin ich in den Genuss einer Verlängerungswoche gekommen und durfte so 4 Wochen verweilen. Ich frage mich, wie ich vorher je mit weniger Urlaub ausgekommen bin...