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Cannes: Das Auto im Hof
Auf dem Autobild bin ich mit 3 Mitstudenten zu sehen ... im Hintergrund mein Auto - wo ich es an Tag 1 geparkt habe und es viele Monate unbewegt und gepackt stehen blieb

Ein ungewöhnlicher Roadtrip durch Frankreich

Ich muss heute noch lachen, wenn ich an meinen „Frankreich Roadtrip“ denke. Gleich vorweg: Es war der Hammer! Ich hatte eine super tolle Zeit und ich möchte keine Minute dieser misslungenen Rundreise durch Frankreich missen.

Ich war damals noch im Studium und hatte drei Monate Semesterferien vor der Brust, die ich zum Verbessern meiner Sprachkenntnisse in Frankreich verbringen wollte. Monatelang hatte ich geplant welche Städte ich mir angucken wollte: Einen Reiseführer nach dem anderen habe ich gekauft und in meine Planungen mit einbezogen. Ich glaube, ich habe meine Mutter damals wahnsinnig gemacht, weil ich mich außerdem geweigert habe mir irgendwelche Hotels zu buchen. Ich wollte ja spontan sein und vor allem zelten auf meiner Tour!

Für 200 Euro kaufte ich mir damals eine neue Campingausrüstung. Mein geliebtes Auto habe ich probehalber bestimmt fünf Mal gepackt, um dann zu entscheiden, welche Gegenstände denn nun wirklich mit müssen. Passt der große Campingtisch ins Auto – oder nehme ich doch lieber nur den kleinen mit? Solche Fragen haben mich vor meiner Abreise mehr beschäftigt als die Vorbereitung auf meine Abschlussklausuren.

Vorfreude ist die größte Freude!

Meine Studienfreunde hatten auch alle keine Lust mehr sich anzuhören, dass ich mich immer noch nicht entschieden hatte, ob ich mich nun zu Anfang meiner Reise auf die Cote d´Azur konzentrieren sollte, oder doch lieber erst nach Paris und in die Normandie fahren würde.

Der Abreisetag rückte näher – ich wurde immer nervöser. Dieses Kribbeln im Bauch vor so einer Reise ins Unbekannte… das werde ich nie vergessen. Ich liebe es! Erst zwei Tage vor der Abreise entschied ich mich dann dazu meine Tour in Cannes zu beginnen. Warum? – Na weil da gerade Filmfestspiele waren und das stand nun definitiv auf meiner to-do Liste.

Auf der Online Suche nach Tickets für einen der Filme stolperte ich dann über das College International de Cannes. Eine Sprachschule mit angeschlossener „Herberge für die Sprachschüler“. Die Idee doch erst einmal drei Wochen dort zubleiben und dann mit besseren Französischkenntnissen die Reise anzutreten gefiel vor allem meinen Eltern sehr gut.

Der Weg nach Cannes!

Zu meiner Verteidigung: ich war noch sehr jung und unerfahren was das Reisen anging. Nur so lässt sich erklären, wieso ich auf die glorreiche Idee kam am Nachmittag meine 1.258 km Reise anzutreten. Gepaart mit meinem Ehrgeiz die Strecke in einem Rutsch durchzufahren und der hirnrissigen Idee doch die „Rue Napoleon“ ab Grenoble zu nehmen, führte dazu, dass ich irgendwo in einem wunderschönen Bergdorf beinah gegen eine Wand gefahren wäre. Es war mir Warnung genug, so dass ich mein Auto schleunigst abstellte und mich auf meiner Rückbank schlafen legte.

Die Sonne ging früh auf und mein Auto stand schon nach kurzer Zeit voll in der Sonne. Ich schlief so fest, dass ich gar nicht merkte wie es im Auto immer heißer wurde. Irgendwann hämmerte jemand auf mein Autodach… ein wütender Franzose brüllte etwas – was ich heute grob mit: „Park dein Scheiß-Auto woanders! Mitten in der Sonne wie blöd muss man sein…. Du stirbst da drin und ich muss das der Polizei dann erklären. Hau ab!“ übersetzen würde.

Halbtot im Auto

Ich schoss aus dem Tiefschlaf hoch und merkte schlagartig wie trocken mein Mund war, wie heiß mein Kopf. Ich riss halb panisch die Autotür auf. Stürzte aus dem heißen Auto und sank draußen im Schatten neben meinem Auto zu Boden. Meine Wasserflasche war SEHR warm geworden. Trotzdem schüttete ich einen ganzen Liter Wasser in mich hinein – so durstig war ich.

Heute glaube ich, ich habe diesem poltrigen Bauern mein Leben zu verdanken. Danke sagen konnte ich ihm damals nicht, denn als ich wieder zu Atem kam und denken konnte, war er schon verschwunden.

Mal eben das Auto umparken war auch gar nicht so einfach. Entlang dieser winzigen Straße gab es nicht viele Parkmöglichkeiten, also fuhr ich weiter und weiter. Ich weiß nicht mehr wie viel Uhr es war, aber die Fahrt war wunderschön. So schön, dass ich mich bei dem Gedanken: „Cool. Ich werde hier durch die Gegend gefahren und kann mir alles angucken.“ Erwischte. Kaum war dieser Gedanke zu Ende gedacht, geriet ich ins Stocken: „Wer fährt dich durch die Gegend?“ fragte ich mich laut. Es fühlte sich wirklich so an, als würde ich – oder zumindest mein Geist – auf der Rückbank sitzen und ein anderer fahren. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ICH der Fahrer war, und dass ich nun wirklich dringend eine längere Fahrpause einlegen müsste.

Kurz vor dem Ziel

Doch dann tauchte das Ortsschild „Grasse“ vor mir auf. Ich war plötzlich wieder hell wach. Das war doch nur 20 km von Cannes entfernt – erinnerte ich mich. Die könnte ich dann auch noch fix fahren beschloss ich.

Grasse ist ein kleiner niedlicher Ort, der nicht nur berühmt ist für die Parfums, die hier hergestellt werden, sondern auch für die vielen schmalen Gassen durch die mein kleiner Golf III nur so gerade eben noch durchpasste.

Und dann passierte es: Ich weiß nicht mehr wo, aber irgendwo bin ich falsch abgebogen – und mal eben umdrehen, ging halt bei 1000 Einbahnsträßchen nicht. Als ich dann merkte, dass ich statt in Cannes in Antibes rauskam, war ich schwer genervt. Mein kleiner Umweg bedeutete nämlich ich musste noch mal einen halbe Stunde länger konzentriert Auto fahren.

Meine Ankunft in Cannes

In Cannes angekommen fragte ich auf Französisch nach dem Weg. Der eine Herr zeigte nach links, obwohl ich mich erinnern konnte, dass das College eher rechts liegen musste. Ich fragte einen zweiten. Der zeigt zurück Richtung Berge. Der Dritte meinte dann rechts, aber er war sich nicht sicher. Ich war den Tränen nahe und einfach viel zu müde.

Da kam plötzlich der Portier vom Ritz Carlton auf mein armseliges, rotes Autochen zugelaufen. Ich dachte schon, er wollte mich verscheuchen, aber stattdessen fragte er mich mit einem freundlichen Lächeln: „Kann ich helfen?“ Ja. Wo das College International de Cannes denn sei – fragte ich ihn. Er fing an zu lachen und sagte, dass er hätte wetten können, dass ich da hin will. Er sieht sofort wer Schüler am College sei behauptete er und beschrieb mir sicher und einfach den Weg. Tatsächlich kam ich nur wenige Minuten später an einer großen Mauer mit einem riesigen Schild „College International de Cannes“ vorbei. Aber wo war die Tür? Es gab keine.

Cannes Collge International
Die Anlage des College. Der Strand keine 20 Meter entfernt.

 

Am Ziel und trotzdem noch nicht da

Ich parkte das Auto vor einer Apotheke und lief links herum. Nix nur Mauern. Mittlerweile musste ich auch noch wirklich dringend auf´s Klo. Als ich kurz davor war aus Verzweiflung über die Mauer zu klettern, sah ich Menschen, von denen ich dachte: das könnten Schüler der Sprachschule sein. Und siehe da… das Loch in der Mauer war auf der anderen Seite des ehemaligen Klosters mit angeschlossenem Militärkrankenhaus.

Ich brach halb auf dem Tisch der Empfangsdame zusammen. Freundlich und verständnisvoll gab sie mir meinen Schlüssel und erklärte mir wie ich mein Auto auf den Innenhof fahren konnte.

Gesagt, getan. Ich parkte meinen Charly – so hieß mein Auto damals – vor der kleinen Kapelle im Innenhof. Das sich mein Auto dort nicht mehr weg bewegen würde, dass konnte ich an diesem Vormittag nicht ahnen.

Cannes: Das Auto im Hof
Auf dem Autobild bin ich mit 3 Mitstudenten zu sehen … im Hintergrund mein Auto – wo ich es an Tag 1 geparkt habe und es viele Monate unbewegt und gepackt stehen blieb

 

Das Zimmer hatte geflieste Böden, dafür aber hässlichen, rauen Teppich an den Wänden. Es stank nach Chlor und das Bett war winzig. Ich ließ mich darauf fallen und dachte direkt: „Na, ob ich drei Wochen HIER bleiben werde?! Ich glaube nicht.“

Ich fand es furchtbar. Ich konnte auch gar nicht mehr schlafen, weil ich mir schon Gedanken darüber machte, wie ich den Betreibern erklären würde, dass ich doch zügiger weiterreisen würde.

Drei Wochen?

Ich stiefelte also ins Büro und lernte Andreas Schweitzer kennen. Ein toller Typ, der aber obwohl er PERFEKT Deutsch sprach (wie ich Wochen später herausfand ist er nämlich Deutscher) mit mir an diesem Tag NUR Französisch sprach und so tat, als ob er keinen meiner bröckeligen Zimmer-Rückgabe-Versuche verstand.

„Leb dich erst mal ein“ sagte er langsam und deutlich zu mir, damit ich und mein Schulfranzösisch auch hinter kamen, „dann wirst du sehen, willst du gar nicht mehr weg. Dann bleibst du keine drei Wochen, sondern drei Monate.“

Unglaublich. Konnte Andreas hellsehen? Hat er gewusst, dass mein Auto nicht wieder anspringen würde? Ahnte er schon, dass ich mich im College so wohl fühlen würde, dass ich meine Abreise Woche für Woche verschieben würde? Dass ich sogar, als mein Geld aus ging, das Angebot als Stipendiatin im College zu Arbeiten annehmen würde? Nein. Das konnte er nicht wissen.

Andreas Schweitzer und ich beim Auftritt - dem vierwöchentlich stattfindenden Festival des Etudiant! (Dem Studierenden Festival) ...
Andreas Schweitzer und ich beim Auftritt – dem vierwöchentlich stattfindenden Festival des Etudiant! (Dem Studierenden Festival) …

 

Aber selbst als ich im Jahr darauf wieder nach Cannes ging, um noch einmal 3 Monate im College International de Cannes zu arbeiten und mein Französisch zu verbessern, erzählte er immer wieder gerne die Geschichte von Barbara und ihrem „Roadtrip durch Frankreich, der in Cannes begann und endete“.

 

  • Willst du noch mehr Geschichten von Barbara? Besuche ihren Blog Mallorca Talks!

 

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Über Gastautorin Barbara Röss

Barbara lebt als Bloggerin auf Mallorca und in Deutschland. Ihr Blog heißt mallorca-talks.com und dort schreibt sie über die Seele und die wahren Schätze der Insel. Quasi über alles das, was in keinem Reiseführer steht.

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