Nach der Lektüre mehrerer Texte über AfD, Pressefreiheit und Kriegstüchtigkeit bleiben für mich weniger Antworten als Fragen. Über Demokratie, Macht, Aufrüstung – und darüber, auf welcher Seite wir eigentlich stehen wollen.
Ich habe in den letzten Tagen mehrere Texte gelesen. Einen über die AfD im Bundestag – darüber, wie sich Einschüchterung, Aggression und Verrohung längst im parlamentarischen Alltag normalisiert haben. Einen über einen Journalisten, der über den Rechtsruck in einer ostdeutschen Stadt berichtet hat und dafür nicht inhaltlich kritisiert, sondern politisch gemaßregelt wurde. Und einen über Geopolitik, über Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit und eine neue Weltordnung, in der Machtpolitik angeblich wieder die einzige realistische Sprache ist.
(Die drei Texte verlinke ich hier, weil sie sehr unterschiedliche Ebenen berühren – und sich für mich beim Lesen trotzdem miteinander verschränkt haben.)
Der letzte Text ließ mich unruhig zurück. Nicht, weil er schlecht oder uninformiert war. Sondern weil am Ende etwas mitschwang, das mir immer vertrauter vorkommt: eine Erwartung, eine Entscheidung, ein stilles – Jetzt müsst ihr euch auf eine Seite schlagen. Und genau dort beginnt mein Widerstand.
Was genau soll hier verteidigt werden?
Es ist von Sicherheit die Rede, von Ordnung, von Verteidigungsfähigkeit, von Demokratie. Aber was heißt das konkret? Geht es um Institutionen, um Parlamente, Regierungen, Bündnisse, um territoriale Integrität und geopolitische Stabilität? Oder geht es um Menschen – um ihr Leben, ihre Freiheit, ihre körperliche Unversehrtheit?
Und wenn beides gemeint ist – warum wird so oft so getan, als ließe sich das eine problemlos dem anderen unterordnen?
Das alles geschieht bereits innerhalb von Demokratien
Die AfD steht nicht außerhalb des Systems. Sie agiert im Bundestag, nutzt parlamentarische Verfahren und bewegt sich formal korrekt innerhalb der Regeln. Der Journalist wird nicht von einer Diktatur unter Druck gesetzt, sondern von einem demokratisch gewählten Stadtrat. Auch in den USA braucht es keinen Systembruch, um autoritäre Politik zu machen – sie geschieht per Wahl, per Dekret, per Mehrheit.
Das ist kein Betriebsunfall. Das ist Teil der Realität demokratischer Systeme.
Demokratie ist ein Herrschaftssystem
Das ist kein Skandal, sondern eine Beschreibung. Demokratie ist keine Abwesenheit von Macht. Sie ist eine bestimmte Form von Herrschaft. Sie legitimiert Entscheidungen über Verfahren, über Mehrheiten, über Institutionen. Und sie kann – genau wie andere Herrschaftsformen – autoritäre Dynamiken hervorbringen, normalisieren und absichern.
Wer das übersieht, macht aus Demokratie eine moralische Kategorie, statt sie als politische Ordnung ernst zu nehmen.
Der Staat entscheidet über Leben und Körper
Ein Staat – auch eine Demokratie – kann über das Leben und die körperliche Unversehrtheit von Menschen entscheiden. Er kann Menschen in den Krieg schicken. Er kann verlangen, dass sie ihr Leben riskieren. Er kann akzeptieren, dass sie sterben. Das gilt nicht nur für autoritäre Regime. Das gilt auch hier.
Diese Macht wird demokratisch legitimiert. Aber sie bleibt eine Macht über Körper. Spätestens an diesem Punkt wird jede abstrakte Debatte konkret.
Wenn von Kriegstüchtigkeit die Rede ist
Im Moment wird viel über Aufrüstung gesprochen, über Abschreckung, über Verteidigungsfähigkeit. Und ja – es gibt reale Bedrohungen. Es wäre naiv, das zu leugnen. Aber wir sind nicht nur von Bedrohungen umgeben. Wir sind Teil davon.
Auch wir rüsten auf. Auch wir verschieben Prioritäten. Auch wir normalisieren die Logik, dass Sicherheit militärisch gedacht werden muss. Das macht die Welt nicht stabiler. Es macht sie gefährlicher.
Ein unbequemer Gedanke zur Kolonisierung
Vielleicht fällt mir das auch deshalb so schwer, weil Europa selbst eine Geschichte der Kolonisierung hat. Jahrhundertelang haben europäische Staaten andere Länder beherrscht, ausgebeutet, unterworfen. Damals wurde hier kaum gefragt, wie sich das für die Betroffenen anfühlt. Damals wurde selten gezögert, wenn es um Macht, Einfluss, Ressourcen ging.
Jetzt, wo Europa möglicherweise selbst in eine Lage gerät, in der andere Mächte Ansprüche stellen, werden diese Fragen plötzlich existenziell. Das ist verständlich. Aber es ist auch ein Spiegel. Und vielleicht erklärt dieser Spiegel, warum mir manche moralischen Gewissheiten gerade zu glatt vorkommen.
Für wen soll hier gekämpft werden?
Eine Frage wird erstaunlich selten gestellt: Für wen soll hier gekämpft werden – und für was? Für Staaten? Für Regierungen? Für bestehende Machtordnungen? Und wer entscheidet das?
Wenn Staaten in den Krieg ziehen, ziehen nicht Staaten in den Krieg. Es gehen Menschen. Menschen, die diese Kriege nicht beschlossen haben. Menschen, die sie oft nicht wollen. Menschen, deren Leben geopfert wird für etwas, das „nationales Interesse“ heißt.
Wer ist dieses „Wir“?
An dieser Stelle stolpere ich immer wieder über ein Wort, das vieles zusammenzieht und zugleich verdeckt: wir. Wir müssen Europa verteidigen. Wir müssen unsere Werte schützen. Wir dürfen nicht nachgeben. Aber wer ist damit gemeint? Sind es die Menschen, die hier leben? Oder ist es der Staat, der spricht – und die Menschen werden mitgemeint?
Der Unterschied ist entscheidend. Denn Staaten führen Kriege. Menschen zahlen den Preis. Diese Unterscheidung verschwindet oft hinter einem scheinbar selbstverständlichen Wir.
Und gegen wen eigentlich?
Wenn von äußeren Feinden die Rede ist, sind damit Staaten gemeint, Regierungen, Militärs. Aber kennen wir die Menschen dort? Teilen wir nicht mit ihnen mehr Lebensrealität als mit unseren eigenen Staaten – Arbeit, Sorgen, Alltag, den Versuch, irgendwie zurechtzukommen?
Kriege werden nicht von Menschen begonnen. Sie werden von Herrschenden geführt.
Und jetzt?
Vielleicht geht es im Kern gar nicht darum, ob wir loyal zur Demokratie sind. Sondern darum, auf welcher Seite wir stehen wollen – und gegen was wir eigentlich kämpfen wollen. Gegen andere Bevölkerungen? Oder gegen autoritäre Macht, gegen Einschüchterung, gegen die Normalisierung von Gewalt, nach innen wie nach außen?
Ich bin damit noch nicht fertig. Ich denke noch. Und wenn du beim Lesen an Stellen hängenbleibst, andere Gedanken hast, Widerspruch spürst oder etwas ergänzen möchtest, dann sag es mir gern. Vielleicht hilft gemeinsames Denken weiter als jede schnelle Einordnung.
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