Vielleicht sollten wir die Demokratie nicht länger verteidigen, sondern sie wirklich sehen – mit all dem, was sie verspricht und was sie verschweigt.
Ein Nachdenken darüber, wie Freiheit an Besitz gebunden wurde und warum der nächste Schritt über die bekannte Form hinausführt.
Vielleicht sollten wir aufhören, die Demokratie zu verteidigen, und anfangen, sie zu sehen.
Nicht die Idee, die wir von ihr haben, sondern das, was sie wirklich ist. Eine Ordnung, die entstanden ist, weil ein Teil der Gesellschaft – das Bürgertum – Freiheit und Eigentum für sich beanspruchte. Ein Fortschritt, ja, aber kein Ende.
Denn diese Demokratie beruht auf Ungleichheit. Sie verteilt Stimmen, aber nicht Macht. Sie schützt Eigentum, aber nicht alle Menschen gleichermaßen. Sie spricht von Freiheit, meint aber die Freiheit der Besitzenden.
Und solange dieser Kern unberührt bleibt, kann sie Ungleichheit verwalten, aber nicht aufheben. Sie kann Menschen Rechte geben, die zuvor ausgeschlossen waren, aber sie kann sie auch wieder nehmen. Sie kann neue Gruppen aufnehmen, solange sie das Fundament nicht in Frage stellen.
So hält sie die Ordnung aufrecht – indem sie gerade genug Bewegung zulässt,
damit sich nichts Grundsätzliches bewegt.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Einladung:
Sie so zu sehen, wie sie ist – und sie deshalb nicht zu verteidigen, sondern zu überwinden. Nicht im Sinne von Zerstörung, sondern im Sinne von Wachstum.
Sie herauszufordern, bis sie das wird, was sie immer versprach zu sein.
Denn vielleicht ist das, was sie verspricht, gar nicht das, was wir heute Demokratie nennen, sondern etwas Tieferes – eine Ordnung, in der niemand über andere verfügt, in der Freiheit nicht vom Besitz abhängt, in der das Gemeinsame wichtiger ist als das Eigene.
Etwas, das noch keinen Namen hat, aber schon lange in uns angelegt ist – wie eine Erinnerung daran, was menschliches Zusammenleben einmal war und wieder sein könnte.
Das ist vielleicht der nächste Schritt: nicht mehr glauben, dass wir am Ziel sind,
sondern verstehen, dass wir mittendrin sind – auf dem Weg zu einer Ordnung, in der Freiheit nicht gegen Gerechtigkeit steht, sondern aus ihr entsteht.
Wer dieses Wir ist, das das tun kann?
Vielleicht all jene, die bereit sind, ehrlich hinzuschauen – und nicht mehr so zu tun, als wäre das, was wir haben, schon genug.
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Liebe Steffi,
dazu fällt mir ein:
Gehe nicht vor mir her, vielleicht folge ich dir nicht. Geh nicht hinter mir, vielleicht führe ich dich nicht. Geh einfach neben mir und sei mein Freund.
Albert Camus
Liebe Grüße Thorsten
Ja, sehr schön aber warum sollten die Profiteure, welche die Macht inne haben zulassen, dass sich etwas ändert und auch noch in eine Richtung, die ihre Macht schmälert? Der aktuelle Zustand wird verteidigt werden, bis es nicht mehr anders geht.
Ja, das ist ein ganz wichtiger Punkt – und ich glaube, du hast recht.
Macht wird nicht freiwillig abgegeben.
Und der bestehende Zustand wird verteidigt werden, solange es geht.
Genau deshalb schreibe ich nicht davon, dass sich etwas ändern wird,
sondern davon, wie Veränderung überhaupt denkbar wird.
Nicht durch Einsicht der Profiteure,
sondern dadurch, dass immer mehr Menschen sehen,
wie diese Ordnung funktioniert – und wo ihre Grenzen liegen.
Die liberale Demokratie ist sehr gut darin, Spannungen zu verwalten.
Sie lässt Bewegung zu, solange der Kern unberührt bleibt.
Und oft reicht das, um Veränderung aufzuschieben.
Aber dieses „bis es nicht mehr anders geht“, das du beschreibst,
ist kein einmaliger Moment.
Es entsteht schleichend –
wenn Menschen innerlich nicht mehr mitgehen,
wenn Zustimmung brüchig wird,
wenn das Versprechen nicht mehr trägt.
Mein Text ist deshalb kein Appell an die Mächtigen,
sondern eine Einladung an die, die in dieser Ordnung leben:
hinzuschauen, nicht zu idealisieren
und nicht zu glauben, wir seien schon am Ziel.
Ob und wie sich daraus etwas verändert,
bleibt offen.
Aber ohne dieses Sehen
bleibt auch das „nicht mehr anders geht“
unsichtbar.
„Politische Macht kommt aus dem Lauf eines Gewehres“ (Mao).