Aussteigen auf Zeit in Portugal

Esel bürsten, meditieren und ein Kompostklo – Hippieleben in Portugal

Schon länger hatte ich mir überlegt, eine Auszeit von meinem Büroalltag zu nehmen.

Morgens 6 Uhr aufstehen, mit der Bahn ins Büro, dort 8 Stunden lang Exceltabellen pflegen, Emails herumschieben und dann in Meetings diskutieren.

Gegen 6 Uhr wieder zu Hause, Abendbrot machen, vielleicht noch eine Runde joggen und dann bei einer Folge Navy CIS einschlafen.

Und morgen das Ganze von vorn…

Ich wollte raus aus diesem Trott.

Näher an die Natur, näher zu mir selbst, Neues ausprobieren, wieder einmal Dinge mit meinen Händen machen, die ich am Ende des Tages auch sehen kann.

Aber dafür gleich Job und Wohnung kündigen und einfach abhauen?

Zum Glück hörte ich dann von wwoofing und ähnlichen Freiwilligenangeboten. Der Deal kurz zusammengefasst: Für ein paar Stunden Arbeit am Tag gibt dir ein Gastgeber Kost & Logis, plus die Möglichkeit etwas in sein Leben einzutauchen und Neues zu lernen.

Ich wühlte mich durch die Angebote und war von den Möglichkeiten begeistert.

Sollte ich nun Schlittenhunde führen in Norwegen? Auf einem Weingut in Italien den Weinberg pflegen? In Frankreich Ziegenkäse machen? Auf einem österreichischen Berghof Marillenmarmelade kochen? Oder, oder, oder…

Kurz: Ich wusste jetzt, wie ich meinen nächsten Urlaub verbringen würde.

Meine Wahl fiel dann auf Tribodar eine kleine Gemeinschaft im ländlichen Portugal. Sie bezeichnet sich selbst als „Holistic Learning Center“ und hat als erklärtes Ziel, mit Themen wie Permakultur, ökologischer Landwirtschaft, Persönlichkeitsentwicklung, natürlichen Baustoffen und ähnlichem zu experimentieren – und dieses Wissen dann an interessierte Besucher weiterzugeben.

Vor einigen Jahren von einem Paar mit Kleinkind gegründet ist Tribodar inzwischen auf 4 feste und noch ca. 4 bis 6 „halbfeste“ Bewohner angewachsen. Dazu 3 Esel, 2 Katzen, und eine wechselnde Zahl von Besuchern, die mal ein paar Tage, mal ein paar Monate bleiben. Während meines Besuchs waren wir immer 10 bis 20 Personen.

Und nun, kurz nach Ostern, war ich nun also für 3 Wochen auch Teil dieser Gemeinschaft.

Nachdem mich der Bus (ja, ich hatte die wundervolle Idee, die Reise mit dem Bus anzutreten) im nächsten Ort abgesetzt hatte, wurde ich von einem klapprigen Auto abgeholt und auf die Farm gebracht. Dort von einem guten Dutzend Menschen aus fast ebenso vielen Ländern mit herzlichen Umarmungen willkommen geheißen, über das Gelände geführt, und noch völlig kaputt von der Reise schlief ich dann bei der abendlichen Klangmeditation ein…

Die ersten Tage hatte ich dann erst einmal mit einem ordentlichen Kulturschock zu kämpfen.

Dass die Infrastruktur vor Ort noch eher rustikal ist wusste ich zwar vorher, es dann zu erleben war aber doch etwas speziell. Das Hauptgebäude selbst ist noch zum Großteil ein Rohbau, die Wände der Küche bestehen sogar nur aus einer Plane und sind damit größtenteils offen – direkter Kontakt zur Natur quasi. So wurde ich auch einmal morgens von einer dicken Kröte begrüßt, die es sich am Fußende meines Bettes gemütlich gemacht hatte.

Nur ein Gemeinschaftsraum ist mit Holzofen beheizbar. Das Duschwasser kommt aus dem ca. 10m tiefen Brunnen und ist daher auch im Sommer noch äußerst erfrischend. Und dazu ein Kompostklo das nicht mit Wasser, sondern mit Sägespänen „gespült“ wird.

Auch die Mittagssonne war hier schon deutlich kräftiger als in Deutschland, was sich besonders bei der täglichen Arbeit im Freien bemerkbar machte. Da muss man als dauersitzender Bürohengst erstmal kräftig durchatmen.

Und nicht zuletzt die Tatsache, dass man hier keine eigene Wohnung – ja nicht einmal ein eigenes Zimmer hat.

Gemeinschaft ist allgegenwärtig, und der einzige Weg mal ein wenig mit sich allein zu sein ist ein Spaziergang durch den angrenzenden Eukalyptuswald.

Es dauerte fast eine Woche, bis ich mich in den Rhythmus der Gemeinschaft „eingegroovt“ hatte.

Aussteigen auf Zeit in Portugal
Im April gab es eine wahre Blütenpracht im satten Grün. Im Sommer wird
es dann deutlich trockener und karger.

Und so sah ein typischer Tag aus: Ausschlafen, Frühstücken, Zähneputzen…

Um 9:30 Uhr läutete dann die Glocke zum „morning circle“, wo die Aufgaben des Tages besprochen und verteilt wurden: Wer repariert den Gartenzaun, um die Esel daran zu hindern den Salat des Nachbarn anzuknabbern? Wer geht Orangen pflücken? Wer bringt Unkraut aus- und Bohnensamen in die Erde? Und wer kocht heute für die ganze Truppe? Oder ähnliches…

Aussteigen auf Zeit in Portugal
„Hey, bringst du Frühstück“? Die Esel in Wartestellung.

Wie Arbeit fühlte es sich aber selten an, da man immer in netter Gesellschaft war, alles nicht zu ernst genommen wurde und man ja genau dafür angekommen war. Natürlich gab es auch unangenehme Aufgaben. Niemand hat sich darum gerissen das Kompostklo auszuleeren. Aber auch so etwas muss nun mal getan werden.

Gegen 14 Uhr läutete die Glocke dann wieder, diesmal zum Mittagessen, und die Arbeit war für den Tag vorbei.

Aussteigen auf Zeit in Portugal
Duschen mal anders: Die Wasserschläuche werden durch einen
Steinturm geleitet, der sich vorher in der Sonne aufgeheizt hat. Überdachte
Duschen incl. Duschvorhang gab es auch, dafür aber ohne Warmwasser…

Der Nachmittag war dann freie Zeit für Spaziergänge, Musizieren, Plaudereien, oder aber einen Workshop, der teils von den festen Bewohnern, teils aber auch von den Besuchern spontan organisiert wurde. Das konnte dann so ziemlich alles sein was jemand der Gruppe beibringen wollte. Spanische Vokabeln, Gitarre spielen, Yoga, Gartenkunde, Caipoera…

Aussteigen auf Zeit in Portugal
Ein bisschen Organisation muss schon sein – der Wochenplan.

In dieser Art zogen die Tage ins Land, und nach spätestens zwei Wochen war ich voll in diesem Flow eingetaucht. Es war wunderbar entspannend mehr oder weniger den ganzen Tag draußen aktiv zu sein. WLAN gab es nicht, auch keinen Fernseher. Die Smartphones blieben also in der Tasche, und man verbrachte die Zeit tatsächlich mit Gesprächen. Und auch an dem vegetarischen bis veganen Essen hatte ich inzwischen Gefallen gefunden und vermisste Fleisch gar nicht mehr.

Aussteigen auf Zeit in Portugal
Der Ausblick über das Gelände morgens beim Zähneputzen. Vorn links
im Bild ist übrigens die „Waschmaschine“ zu sehen.

Am bemerkenswertesten waren aber wirklich die Menschen, die dieser Ort angezogen hat. Trotz der Tatsache, dass die Besucher gefühlt aus der halben Welt zusammengekommen waren, und auch fast täglich jemand neu ankam oder abreiste war das Zusammenleben sehr harmonisch und friedlich. Man merkte deutlich, dass hier schon reichlich Erfahrung mit internationalen Gästen besteht. Einen wirklichen Streit habe ich während meines Aufenthalts nicht erlebt.

Außerdem herrschte eine unglaublich positive Grundstimmung. Wenn es ein Problem gab setzte man sich nicht hin und jammerte wie schwer doch alles ist und wie schlecht die Welt doch sei, sondern überlegte wie man es lösen kann. Und stand ein neues Projekt an dann hieß es nicht „Oh je, das ist aber schwierig.“, sondern „Na los, packen wir es an“.

Und es war wirklich erstaunlich, was auf diese Weise zu schaffen war. Ob nun per Anhalter innerhalb weniger Tage quer durch Europa zu trampen, ein verlassenes Haus im Rohbau binnen einer Woche zu einem gemütlichen Zuhause zu machen, oder auf dem kleinen Gelände von knapp 1ha ein Festival für über 100 Personen auf die Beine zu stellen.

Und nun, wäre das ein Leben, was ich mir für mich dauerhaft vorstellen könnte?

Da bin ich mir noch unsicher. Auf jeden Fall bin ich dankbar, dass ich diese ganzen tollen Eindrücke mitnehmen durfte.

Und das war auf jeden Fall nicht mein letzter Urlaub dieser Art.

 

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Kommentare

4 Gedanken zu “Esel bürsten, meditieren und ein Kompostklo – Hippieleben in Portugal”

  1. Hallo, ich habe gerade diesen Artikel von einem besagten Martin über sein Aussteigerprojekt in Portugal gelesen (Tribodarl). Wo kann ich mich informieren, wenn sowas mich interessieren könnte? Danke für eine Antwort :)
    Erika Lenges

    • Hallo Erika,
      hier meldet sich der Autor. Was für Informationen vermisst du denn noch? Steffi hat oben im Artikel die Homepage des Projekts verlinkt, da werden jede Menge Fragen beantwortet. Bei facebook sind sie auch. Ansonsten einfach konkret fragen, entweder hier oder direkt an die Gemeinschaft schreiben.
      Gruß, Martin

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