Segeln England: Abfahrt von Dover Harbour

England im Sechs-Stunden Takt oder: die langsamste Art zu reisen

Ein Gastartikel von Ulli über ihre Segelreise durch den Ärmelkanal nach Dover und weiter entlang der englischen Küste zur Isle of Wight nach Bembrige Harbour.

Gerade hier, an jenem Ort, in diesem Moment, als sich am Horizont die weißen, von der Abendsonne rosa gefärbten Kalkfelsen vor Dover von den dunkelblauen, von weißer Gischt durchzogenen Wellenbergen deutlich abheben, genau in der Mitte des Ärmelkanals haben wir die langsamste Art zu reisen gefunden.

Wir das sind mein Mann Christoph, den ich bisweilen in ausnehmend übermütiger Laune „Captain“ nenne, außerdem ich, seine Crew, die in jenen seltenen Fällen, in denen sie außerordentliches seglerisches Geschick beweist, zum ersten Maat aufsteigt und unser Segelboot Maha Nanda, eine zehn Meter lange, 40 Jahre alte, liebevoll renovierte Stahlyacht.

Genau zwei Jahre ist es her, als wir beschlossen hatten, unseren vagen Plänen reale Taten folgen zu lassen.

Trotz mitleidiger Blicke so mancher Freunde und Familienangehörige, die ob der wahnwitzigen Idee, im 1.300 Kilometer entfernten Lemmer in den Niederlanden ein altes Boot zu kaufen, um damit über den Atlantik zu segeln, nur den Kopf schüttelten, arbeiteten wir zwei Jahre lang auf diese Reise hin. Verwendeten jede freie Minute für Vorbereitungen, Schiffsarbeiten und Zwölf-Stunden-Fahrten nach Holland, um Maha Nanda in eine atlantiktaugliche Yacht zu verwandeln.

Im Mai dieses Jahres sind wir schließlich gestartet, bis Mai 2020 werden wir unterwegs sein.

Unterwegs auf dem Ärmelkanal nach Dover

Segeln England: Dover im Abendlicht
Dover im Abendlicht

Nun sind wir also hier: Auf der Straße von Dover und segeln geradewegs auf den englischen Hafen zu. Halt, stimmt nicht!

Geradewegs ist hier gar nichts. In Wahrheit segeln wir einen veritablen Zick-Zack-Kurs und bewegen uns dabei im Schneckentempo voran. Rollatortempo trifft es wohl genauer, denn mehr als einen Knoten Fahrt (das sind 1,9 km/h) machen wir derzeit nicht.

Nein weder haben wir Flaute noch ist der Captain besoffen. Schuld ist der Strom. Denn der Ärmelkanal ist Europas Meeresregion mit dem stärksten Tidenhub, heißt, nirgends ist der Unterschied zwischen Ebbe und Flut so groß wie hier, und nicht alles, was von Wasser bedeckt ist, bleibt es 24 Stunden.

Alles sechs Stunden schwappt das Wasser in den Hafen und alle sechs Stunden fließt es heraus. Mal schwimmen die Boote an den Bojen, mal liegen sie im schlammig-grünen Trockenen. Mal ist die Mauer der Hafenmole sechs Meter hoch, dann nur einen Meter.

Und dann der Strom, der Strom. Er ist schuld an unserem Zick-Zack-Kurs, denn auch er ändert alle sechs Stunden seine Richtung (im Seglerlatein „kentert“ er), und versuch mal mit dem Segelboot gegenan zu steuern. Im besten Fall erreichst du Rollatortempo im schlimmsten Fall stehst du trotz gutem Wind auf der Stelle. Sechs Stunden lang…

Lächerliche 20 Meilen (knappe 40 Kilometer) breit ist der Ärmelkanal hier an der Straße von Dover, seiner schmalsten Stelle und – Wind, Strom und Welle geschuldet – kommt uns irgendwann eben in seiner Mitte, als wir englische Hoheitsgewässer erreichen und den Union Jack hissen, der Gedanke, in diesem Tempo würden wir niemals vor Sonnenuntergang Dover erreichen, als das Wunder geschieht: Der Strom kentert, der Wind dreht ein wenig und Maha Nanda und ihre Crew sausen in rasendem Tempo, das entspricht bei einer alten Stahllady unserer Bootsklasse etwa 11 km/h, in den Hafen von Dover.

Segeln England: Nachtansteuerung Dover Harbour

Mit dem letzten Abendlicht legen wir in einem der „busiest“ Häfen Europas an, immer ein Auge auf Fährverkehr, Kreuzfahrtschiffe und Berufsschiffahrt.

Im Hafen von Dover

Für uns, die wir vertraut sind mit dem Mittelmeer, die die lieblichen Häfen Italiens, Kroatiens und Griechenlands und auch die beeindruckenden Hansestädte der Ostsee kennen, sind die Hafenstädte an Nordsee und Ärmelkanal eine völlig neue Erfahrung.

Statt idyllischer, verträumter Buchten begrüßen dich hier wahre Bollwerke. Festungen, gebaut, um die beinahe unbezwingbaren Kräfte des Wassers zu bezwingen. Beim Blick durchs Fernglas auf der Suche nach der Hafeneinfahrt – die Ankunft in einem fremden Hafen und das Finden der Einfahrt ist immer eine spannende Sache – wirst du zuerst der mächtigen Wellenbrecher gewahr. Riesige Betonwälle oder auch bedrohlich wirkende Holzkonstruktionen, die weit ins Meer hinaus ragen. Erst beim Näherkommen taucht die Silhouette der Stadt auf.

Das Reisen mit einer Segelyacht zeigt Orte aus völlig anderer Perspektive.

Läufst du in den Hafen ein, startest du die Stadtbesichtigung als Reise durch die Vergangenheit, denn viele Orte entstanden, historisch betrachtet, direkt am Meer, von wo aus sie sich ins Landesinnere ausbreiteten.

Dovers alte Hafenanlage ist Zeuge der Schifffahrt-Geschichte Englands. Respekt vor den englischen Seefahrern hatten wir schon immer, denn wer in diesem rauen, gefährlichen Revier, nicht nur vom Wind sondern auch von den Gezeiten beeinflusst, von klein auf Segeln gelernt hat, den kann wohl nichts erschüttern. Mit dem Besegeln des Ärmelkanals ist unsere Respekt noch mehr gewachsen – aber auch das Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten, denn, wie uns ein Portsmouther Segler-Haudegen versicherte: „If you can sail here, you can sail everywhere in the world.“

Von Dover entlang der Küste nach Eastbourne

Von Dover setzen wir unsere Reise entlang der englischen Südküste bis Eastbourne fort, bekannt für sein Seebad, jene wunderschöne viktorianische Holzsteg-Konstruktion, die weit ins Wasser ragt und beste Aussichtsplattform für Sonnenuntergänge über dem Meer ist.

Zwei kleine Hürden sind zu bewältigen, um die Stadt von der Meeresseite aus zu erreichen. Da wären zum einen die Overfalls – etwas ganz Gemeines: Unangenehme, kurze, steile Wellen aus allen Richtungen, die im Ärmelkanal an etlichen Stellen auftreten, verursacht durch ein spezielles Zusammenspiel von Wind, Tide, Strom und Meeresbodenstruktur.

Das Segel inmitten dieses Wasser-Tohuwabohus zu bergen, gerät zur Akrobatikeinlage, denn während das Schiff wie ein Tagada (kennt ihr das vom Kirmes?) in alle Richtungen tanzt, gibt der Captain an Deck bei dem Versuch, Segel, Leinen und sich selbst festzuhalten, eine unelegante Breakdance-Nummer zum Besten.

Direkt nach dieser Showeinlage geht es in eine Schleuse, denn damit auch bei Ebbe genug Wasser im Hafen bleibt, ist dieser mittels zwei großen Toren vom Meer getrennt.

Segler begegnen Schleusen mit ziemlich gemischten Gefühlen, meist übervoll mit andern Sportsegelschiffen, Motoryachten und Fischerbooten, umgeben von rauhen Betonwände, an denen rostige Eisenringe und -haken befestigt sind, durch die du deine Leinen führen musst, um das Boot festzumachen.

Hier ist viel Gefühl für dein Schiff notwendig, denn Einparken wie mit dem Auto funktioniert garantiert nicht. Schon gar nicht mit einem altertümlichen Acht-Tonnen-Stahlkoloss wie unsere Maha Nanda (sorry, alte Lady, du bist natürlich ein eleganter Koloss), außerdem braucht es eine geschickte Crew, die im Idealfall mit dem Lassowurf in Cowboymanier vertraut ist. Aber nach einem Monat durch die Wasserwelten Hollands können wir hier in England mit Fug und Recht behaupten: Schleusenfahren? Können wir!

Segeln an der Küste Südenglands nach Brighton

Segeln England: Beachy Head
Beachy Head
Segeln England: Christoph Beachy Head

Nach Eastbourne erreichen wir eine der schönsten Küstenabschnitte Südenglands.

Mit Beachy Head umsegelten wir Englands höchsten Kalkfelsen, anschließend geht es an den Seven Sisters vorbei und vor uns liegt Brighton.

Und wieder werden wir von meterlangen, abweisenden Beton-Wellenbrechern begrüßt, bevor wir in eine der größten Marinas England gelangen. Hier tut sich ein kleiner Nachteil des Segelreisens auf: die eingeschränkte Mobilität an Land.

Segeln England: Brighton Pier
Brighton Pier

Von der Marina Brighton, beliebter Touristen-Hot-Spot und ob seines lebhaften Nachtlebens, der vielen Bars und Restaurants und etlichen Geschäften mit Marine-Flair auch von Nicht-Seglern stark frequentiert, gehst du zu Fuß eine Dreiviertel Stunde ins Zentrum. Aber gut, es gibt auch eine Bus-Linie, was genauso lange dauert, aber immerhin weniger anstrengend ist.

Alternativ können wir auf unsere Klappräder zurückgreifen, grundsätzlich praktisch, angesichts der Serpentinenstraße an der Kalksteinküste dann wieder doch nicht. Aber wir wählen eine originelle Möglichkeit: die Fahrt mit einer elektrischen Bahn aus viktorianischen Zeiten. Die Gleise führen von der Marina bis zum Brighton Pier, dem 100 Jahre alten Vergnügungspark, den jeder Brighton-Tourist gesehen haben muss.

Segeln England: Brighton Train
Brighton Train

Alles in allem ist Brighton eine wahnsinnig hippe Stadt mit vielen Lokalen, engen, verwinkelten Gassen und vielen jungen Besuchern. Das Kontrastprogramm nach ein paar Tagen segeln zu zweit, an denen du das Gefühl hast, die Erde besteht nur aus dir, deinem Boot, dem Meer und dem Himmel.

Kontrastprogramm ist grundsätzlich beim Reisen mit dem Segelboot angesagt. Du kannst es dir ja aussuchen. Willst du Action? Fahr nach Brighton. Willst du Einsamkeit, bleib über Nacht in einer Ankerbucht.

Zur Isle of Wight

Segeln England Isle of Wight
Isle of Wight

Nach drei Tagen Brighton wechseln wir von der hippen Stadt in einen kleinen Inselhafen. Wir segeln in den Solent und zur Isle of Wight. Dieser Meeresarm zwischen der Insel und der englischen Küste ist DAS englische Segelrevier schlechthin. Cowes, Southampton, Portsmouth – jene Segelzentren wo auch die Mitglieder des britischen Königshauses segeln lernten.

Segeln England: Bembridge Harbour
Bembridge Harbour

Kurzfristig fühlen wir uns wie daheim in Österreich, als wir nach einem Riesentorlauf das Ziel, Bembridge Harbour, erreichten. Riesentorlauf auf See?

Wenn die Hafeneinfahrt nur eineinhalb Meter Tiefe aufweist und ausschließlich in durch rote und grüne Zeichen abgestecktem Schlangenlinienkurs zu erreichen ist, denn alles andere würde Steckenbleib-Gefahr bedeuten, dann tust du gut daran, nicht vom gesteckten Kurs abzuweichen.

Und ja, du solltest deine Ankunft gut berechnen, denn beinahe sechs Stunden lang – nämlich bei Ebbe (Niedrigwasser, sagt der Segler) ist der Hafen nicht passierbar. Keiner kann raus, keiner rein.

Bembridge Harbour

Bembridge gehört zu jenen Häfen, die „trockenfallen“, es gibt hier Bereiche, die bei Hochwasser völlig harmlos aussehen. Kleine Motoryachten und Segelboote, an Bojen befestigt, schaukeln in den Wellen, bis… der Wasserspiegel sinkt.

Segeln Engand Bembridge Harbour trockengefallen
trockengefallen in Bembridge Harbour

Irgendwann bewegen sich die Boote nicht mehr, langsam taucht ihr Kiel auf, bis sie schließlich seitlich gekippt im Trockenen liegen. Nur wenige Stunden lang, dann kommt das Wasser zurück und das Hafenbecken ist, wie es sich für ein solches gehört, mit Wasser gefüllt.

Der kleine Hafen ist ein Ort der Entspannung. Hier treffen sich englische Familien bei ihren Wochenendausflügen mit dem Segelboot, ältere Ehepaare, die mit ihren Motoryachten von Portsmouth übergesetzt haben, Sportler, die sich auf eine der zahlreichen Regatten im Solent vorbereiten. Andere Flaggen als den Union Jack sieht man kaum.

Österreicher? Fehlanzeige. Überhaupt gehören wir am Ärmelkanal zu den Exoten und werden in kleinen Häfen das eine oder andere Mal sogar als die Ersten unserer Art begrüßt.

Nach Tagen mit very British Feeling geht es schließlich wieder quer über den Ärmelkanal nach Frankreich. Dass wir unser Ziel Cherbourg knapp verfehlen und Poseidon um Gnade anflehen, ja das… ist eine andere Geschichte.

Segeln England: Ulli und Christoph

Ulli (50 Jahre) und Christoph (51 Jahre) sind zwei Niederösterreicher, die für ein Jahr dem meerlosen Zustand ihres Lebens entfliehen und an Bord ihrer Segelyacht Maha Nanda von den Niederlanden Richtung Südwesten segeln. Ziel ist die Karibik, aber alles ist möglich und Richtung Osten ins Mittelmeer abzubiegen auch keine Schande. Bis Mai 2020 werden sie auf ihrem Blog Sailing Mahananda über ihre Erlebnisse, kleine Katastrophen und persönliche Erfolge, Menschen am Meer und das große Glück berichten. Der Name „Maha Nanda“ ist aus dem Sanskrit und bedeutet „Das große Glück“.

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