Stadtleben: Sieh genau hin!

Ich kann mich nicht entfalten, nicht in meinem Rhythmus sein.

Meine Gedanken gehören mir nicht mehr.

Sie frisst meine Stunden auf.

Sie lässt mich Dinge tun, die ich ohne sie nie tun würde.

Ihr Grau saugt meine Farben auf.

Ihr Gestank überdeckt meinen Geruch.

Ihr Lärm übertönt meine Worte.

Ihre Hektik reißt mich aus meiner Mitte.

Ihre Fülle unterdrückt meine Entwicklung.

Ich habe Fluchtgedanken, wenn ich denke.

Doch meistens kann ich gar nicht denken, denn sie denkt für mich.

Seit Oktober bin ich jetzt schon wieder in der Stadt. Viel zu lange.

Ich treffe Menschen, die behaupten, sie wären Stadtmenschen, die es sich nicht vorstellen könnten, woanders zu leben.

Und ich?

Ich habe mehrmals täglich Fluchtgedanken. Mir stinkt die Stadt.

Sie rast an mir vorbei und ich wünschte manchmal auch im SUV durch die Straßen zu gleiten und einfach nur meinen Teil zum Wahnsinn beizutragen.

Aber ich habe gar keinen SUV. Ich fahre Fahrrad, oder gehe zu Fuß. Mein Tempo passt nicht zum Tempo der Stadt. Ich fühle mich überrollt, angefahren.

Um in der Stadt zu leben, glaube ich einen Panzer zu brauchen. Um gewappnet zu sein. Ich will aber keinen Panzer tragen!

Die Stadt ist laut.

Hunderttausende Menschen, die alle gleichzeitig reden, sich bewegen. Der Verkehrslärm ist zum ständigen Hintergrundgeräusch geworden, das auch ich nur noch wahrnehme, wenn es mal kurz verstummt.

Wie sehr habe ich die Feiertage am Ende des letzten Jahres genossen. Als endlich Ruhe war. Ich konnte mich wieder entfalten – und da wurde mir klar, dass ich gar nicht richtig ausgefaltet war.

Die Stadt stinkt und sie ist schmutzig.

Unglaublich mit wie vielen unangenehmen Gerüchen sie aufwartet. Selbst beim Spaziergang im Park stinkt sie herüber.

Wie grau und trist die Stadt doch ist. Da frage ich mich immer wieder, warum gerade kreative Menschen gerne in ihr wohnen.

Mich erstickt die Stadt, das können auch die spärlichen Grünanlagen nicht herausreißen. Denn wirklich grün, sind die einfach nicht. Echte Natur können sie einfach nicht ersetzen und trotzdem sehen die Stadtmenschen sie als Erholungsorte. Für mich kaum zu glauben, wie man sich auf einer kleinen, überfüllten Grünfläche von irgendwas erholen kann.

Die Stadt ist dreckig. Überall liegt Müll rum. Zerschmetterte Bierflaschen, Essensreste, ja ganze Müllsäcke – überall. Es gibt echt Stadtmenschen, die tragen ihren Hausmüll lieber in den Park und stellen die Tüten an einen Baum, statt sie in einem Mülleimer zu entsorgen.

Das schlimmst für mich aber ist:

Die Stadt ist voll.

Viel zu viele Leute auf viel zu wenig Raum. Kein Platz für Niemanden. Es gibt keinen Raum, keine Weite.

Es wundert mich immer wieder, dass trotz der ständig gereizten und aggressiven Stimmung, nicht viel mehr passiert.

Stadtbewohner stehen sich den ganzen Tag gegenseitig im Weg. In der Stadt fließt nichts.

Alles dreht sich – aber nichts bewegt sich. Überall Stau. Die Stadt verstopft mich.

Ich kann nicht klar denken in ihr. Fühle mich ihr ausgeliefert und muss mich ihrem schnellen Takt unterwerfen. Denn in der Stadt gegen den Strom, den Sog anzutreten ist aussichtslos. Sie macht mich platt.

Ich kann nicht mehr atmen. Ich ertrinke in ihren Fluten. Doch wohin will die Stadt? Warum hastet sie so?

Dreht sie sich nicht nur im Kreis um sich selbst?

In der Stadt verliere ich schnell das große Ganze. Zu stark ist der Strudel des Selbstzwecks, als das ich einen Weg sehen könnte. Sie schwappt nur hin und her, wie Wasser in einer Schüssel. Hier und da verändert sie sich – zeigt ein neues Gesicht. Nur um es dann gleich wieder zu wechseln.

Die Stadt ist weder beständig, noch verändert sie sich.

Kann es Leben in der Stadt geben? Echtes, wahrhaftiges, offenes Leben? Ein Leben, dass ich spüren kann? Ich habe es wirklich versucht, aber die Stadt ist einfach nichts für mich.

Und doch gibt es Schönes in der Stadt. Es steckt ganz tief in ihr versteckt. In Ecken und Nischen. Es ist nicht sofort ersichtlich, ich muss lange danach suchen.

Die vielen Menschen, die die Stadt für mich so schwer erträglich machen, finden sich hier und dort zusammen, um Schönes miteinander und füreinander zu erschaffen. Einfach so. Ohne Hintergedanken. Sie organisieren Feste und Partys füreinander, die nichts kosten, gärtnern gemeinsam in den Straßen und versuchen, ihre Stadt zu einem schöneren Ort für alle zu machen.

Doch auf dem Weg dahin, rasen sie wortlos aneinander vorbei. Was sie vorhaben, wo sie hinwollen, bleibt im Verborgenen.

Sieh genau hin!

Und du?

Lebst du lieber in der Stadt oder auf dem Land? Oder unterwegs, so wie ich?

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Kommentare zum Beitrag

13 Gedanken zu „Stadtleben: Sieh genau hin!“

  1. Hi Steffi, du Schreibst mir aus meiner Seele. Ich wohne in einer Kleinstadt. Zum arbeiten muss ich jeden Tag in eine Stadt mit 80000 Einwohnern. Hier ist es so wie du es beschreibst. Mir geht es ähnlich. Die Erholungsphase gibt es allerdings nach Feierabend im bergischen Land, da gibt es einsame Orte im grünen die ich nach 30 min. mit dem fahrrad erreiche. Licht und Frieden.

    Antworten
  2. Dieser Artikel hat mich hin und her gerissen. Ich bin aufgewachsen irgendwo zwischen kleinstadtähnlichem Stadtteil und Dorf. Ich war schon als Kind und Jugendlicher immer unruhig und unterwegs auf der Suche nach … ich weiß es nicht.

    Ja ich liebe Berlin, die ständig pulsierende und 24 Stunden verändernde Stadt. Ich liebe diese Unruhe, diese kreative Hektik und die kleinen versteckten Ruhepole. Und ich liebe gleichzeitig die weiten flachen ruhigen Gegenden ohne Zivilisation, ohne Zeit und mit viel Ruhe, die man oft in der Nähe von Nord- und Ostsee findet.

    Kann man zwei Gegensätze lieben?

    Den Spuren der digitalen Nomaden würde ich gerne folgen und Ruhe finden, bin aber genauso gefangen in meiner digitalen Welt, die aus unzähligen dauerhaft laufenden Bildschirmen und selbst verursachten Verpflichtungen besteht. „Frei sein“ bedeutet, sich von diesen Verpflichtungen lösen zu können. Dabei bin ich schon viel zu sehr korrumpiert von dem Konsum. Die tägliche Möglichkeit, einfach in einen Biergarten zu gehen und das gute Essen zu geniessen, ohne über die Kosten nachdenken zu müssen. Das habe ich viel zu lange machen müssen und das kann so schnell wieder passieren.

    Ich habe wohl den Traum vieler abhängig arbeitender Menschen: Irgendwann genug Geld zu haben, um dann gefühlt unabhängig und relativ komfortabel reisen zu können. Ja es ist ein Gegensatz zu Euren Reisen, aber derzeit kann ich dem Gedanken von selbstgemachter Zahnpasta noch nicht viel abgewinnen ;-)

    Antworten
  3. Ich mag die Stadt, manchmal. Ansonsten lebe ich lieber auf dem Land. War früher anders, da konnte ich mich wochenlang in der Stadt aufhalten. Mittlerweile kaufen wir in den grossen Shopping Malls auf der Grünen Wiese ein und gehen gar nicht mehr in die City.

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  4. Oh Steffi – in diesem Artikel schreibst Du mir wirklich aus der Seele! Und ich wohne nicht mal in einer „richtigen“ Stadt, jammere da auf extrem hohem Niveau. Und doch … schön ist anders.

    Kanns kaum erwarten, dass endlich der Diesel wieder brummelt. Ab, weg und raus, wenigstens für ein paar Tage. Irgendwo nach nirgendwo zu niemandem. ENTFALTEN! :)

    Folge Euch übrigens sehr, sehr gern. Vielen Dank für die tolle Zeit „mit“ Euch.

    Herzliche Grüße und immer gute Fahrt,

    Tom

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  5. Deshalb bin ich nach 18 Jahren Großstadt auf’s Dorf gezogen. Richtig Dorf: 300 Einwohner. Jeder kennt jeden und ich, der Zugezogene, bin der „bunte Hund“. Aber die Alteingesessenen haben mich prima aufgenommen und ich fühl mich hier pudelwohl :)

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  6. mutig sein, annette kolb kennen und nie wieder vergessen: Annette Kolb wuchs in München auf und verbrachte erste Schuljahre in der Klosterschule Thurnfeld bei Hall in Tirol. Sie entdeckte ihre Lust am Schreiben und gab 1899 ihr erstes, von ihr selbst finanziertes Buch heraus.

    Im Ersten Weltkrieg trat sie entschieden für den Pazifismus ein. Ein vehementes Plädoyer für die Anwendung von Vernunft und für eine europäische Völkerverständigung löste nach einem Vortrag in Dresden am 11. Januar 1915 Tumulte aus. Rede vor der Literarischen Gesellschaft in Dresden am 11.1. über die pazifistische Internationale Rundschau, an deren Gründung sie beteiligt ist. Sie wendet sich gegen einen kriegstreiberischen Nationalismus und plädiert für die Anwendung von Vernunft und für eine europäische Völkerverständigung. Der Vortrag endet im Tumult. Das Bayerische Kriegsministerium verhängte gegen sie 1916 „wegen pazifistischer Umtriebe“ eine Brief- und Reisesperre. Kolb nahm in den 1920er Jahren an Treffen des Cercle de Colpach teil, den Aline Mayrisch in Luxemburg führte. Mayrisch wollte damit kulturelle Begegnungen von Westeuropäern veranlassen und deutsch-französische Beziehungen fördern, als den Kern einer künftigen friedlichen, europäischen Einigung. 1933 emigrierte Annette Kolb sofort nach Paris und löste sich damit völlig vom Deutschland.

    In der Nähe von Schengen eine Kerze anzünden. http://tinyurl.com/h3fdvp5 http://tinyurl.com/zvv6986 Die eigene Gier nach mehr & anders loslassen, durch die Fehler der anderen nicht mehr in Wut geraten.

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  7. am besten kann ich hinsehen mit geschlossenen augen, oder den fingerkuppen auf anderer haut? ein eigenes kind säugen an der eigenen brust?

    und mal nach raron fahren, zu rainer maria rilke, ein netter platz für eine zwischenrast, eine kleine meditation auf dem kirchhof oben über stadt und tal. warm scheint die sonne auf die südliche kirchwad. es ist früher nachmiitag und die vögel zwitschern und fliegen umher. eine alte frau hackt ein grab, leise zeiht der rechen durch alte blätter, welkes laub.

    und kommt darauf an, wozu ich da bin: in der stadt ein suchender, umherirrend, umherseiend – der zu bekommen suchte, leere zu füllen, oder überall ein beschenkter, quelle nach außen, voraussetzungslos. durch gebet sich erneuernd?

    eine novene beten nach peter eberschweiler, aufhören, es selbst zu machen, dass ich aus dem mittelpunkt rücken, das glück der bedürftigen wie das einer blume in den mittelpunkt rücken. die stadt aber der mittelpunkt des gegenteils, der unbedürftigen, daher auch der abweisenden, des falschen überfusses auch?

    in nachfolge eintreten, die heiligen kennen zur ausweitung des eigenen spielfelds, http://www.katholisch.de/glaube/unsere-vorbilder/rosen-im-korb – einen süßen gast in der eigenen seele mit sich tragen erlaubt finden, Komm, Heiliger Geist, du Vater der Armen, du Spender der Gnaden, du Licht der Herzen, du bester Tröster, du lieber Gast der Seele, du sanfte Ruhe! http://www.kathsurf.at/gebete/hlgeist.html – Heiliger Geist, süßer Gast meiner Seele, bleibe bei mir und mache, daß ich immer bei dir bleibe! (für manche „idioten“ von staatlich-weltlichen studierten, unerfahrenen psychologen vermutlich starker tobak, aber genau so, auch der teil ist da, will soll leben erkannt, anerkannt sein, nicht „weggemacht“ oder unterdrückt)

    also in eine messe gehen kann so ziemlich die perfekte ergänzung der stadt nach innen sein. man sieht immer gliech, wos fehlt. geheimnis des glaubens. erhebt die herzen. wir HABEN SIE beim herrn. stehende ewigkeit real gemacht.

    eine novene beten nach eberschweiler, vor allem auch mit für die von unserer wut verschoben-zerstört gemachten städte syriens, wiewohl wir doch nur unsere eigenen städte meinten, uns selbst? autoaggressiv. alles ist global, eines greift ins andere, ursache und wirkung sind nur noch getrennt. krieg bringt entfernungen wie bislang entferntes immer noch zusammen?

    und die alleinstehenden sehen. http://tinyurl.com/zmjolmf

    Antworten

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