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Leben ohne Überschrift

Leben ohne Überschrift

Was ist anders? Das war die Frage, die ich mir gestellt habe. Hier die Antwort:


Was ist anders nach nunmehr fast 5 Jahren ohne Wohnung, ohne Erwerbsarbeit, ohne Rentenversicherung, Arbeitslosengeld etc.

Es ist irgendwie fast schwer zu einer Antwort zu kommen, denn nach so langer Zeit ist das alte Leben gar nicht mehr so präsent und das neue so normal geworden.

Das alte Leben war voller, die Zeit war dichter. Termine, wie Arbeiten gehen und Freizeitgestaltung, gibt es nicht mehr. Da sich das Leben nicht mehr teilt in Freizeit und Arbeit. Die Begriffe gibt es gar nicht mehr. Alles ist jetzt eins.

Es ist aber weder Arbeit noch Freizeit – es ist einfach “der Tag” – das Leben…

Und das ist nicht mehr so angefüllt mit Aktivitäten und Terminen, sondern nur noch mit Tun oder Nichttun.

Das meiste, was im alten Leben den Tagesablauf bestimmten, gibt es nicht mehr.

Dafür gibt es jetzt andere Dinge.

Das Leben muss noch immer organisiert werden und vieles ist zeitauswendiger geworden.

Energie, die früher ganz selbstverständlich zur Verfügung stand (durch Drehen des Wasserhahns oder den Druck auf den Lichtschalter) muss nun selbst beschafft und nicht nur bezahlt werden.

Die vielen Dinge die mich früher umgaben und um die ich mich kümmern musste, sind weg, weil es für sie keinen Platz mehr gibt und ich sie nicht mehr brauche. Möbel, Elektrogeräte, etc.

Die Tage sind entspannter und ruhiger.

Der tägliche Gang ins Büro, der Arbeitsstress, die Hektik und auch der stetige Wettbewerb und Kampf (rückblickend kommt es mir wirklich wie ein Kampf vor) mit Chefs und Kollegen (natürlich gibt es Ausnahmen), abends müde nach Hause kommen und keine Lust mehr haben noch etwas zu tun, nur noch aufs Sofa und Fernsehen. Manchmal noch zum Sport, obwohl schon fast zu müde dazu.

Und dann am Wochenende ausruhen wollen, aber auch etwas erleben, etwas lernen und etwas kreatives tun wollen, zum Ausgleich, aber an diesen zwei kleinen Tagen auch noch Verpflichtungen zu haben, zu putzen, etc.

Immer unter Strom, auch wenn es mir ganz normal vorkam.

Es gibt immer noch viel zu tun, auch Dinge, die getan werden müssen, aber es ist anders. Entpannter, ohne zu viel Druck.

Ich bin abends immer noch müde, aber es ist Müdigkeit und keine Erschöpfung.

Fernsehen gab es schon lange nicht mehr, nicht nur aus Mangel an Möglichkeiten. Kein Bedarf an passiver Zerstreuung.

Aber schon die Fernsehabstinenz eröffnet eine neue Welt und schließt eine andere. Nicht mehr mitreden können bei dem, was die anderen bewegt, weil man nicht dabei war (die Sendung nicht gesehen hat).

Wie sehr Fernsehen doch ein gemeinschaftliches Erlebnis ist, obwohl es jeder für sich alleine im eigenen WZ macht, war mir zuvor gar nicht so klar.

Mein Leben unterscheidet sich mittlerweile so sehr von dem der anderen in meinem Umfeld, dass es manchmal schwierig ist.

Die größte Schwierigkeit ist dabei wohl das die Anderen mein Leben und mich nicht wirklich verstehen (können). Es ist schwierig dafür die richtigen Worte zu finden.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Können sich also Menschen mit unterschiedlichem Sein verstehen?

Der Konsumverzicht verbunden mit dem kleinen finanziellen Rahmen führt dazu, dass ich mich oft ausgrenzen muss. An gemeinschaftllichen Aktivitäten nicht teilnehme und nicht nur beim allgeinem Hype um technische Geräte nicht mitreden kann (nein, ich habe kein Eifön).

Auch wieviel Einfluss die gemeinsame Nutzung von Technik auf die sozialen Strukturen hat, war mir früher nicht klar. Internet, soziale Netzwerke, etc.

Auch das ist Konsum (der auch Geld kostet). Wie tief dieser Konsumverzicht also geht und sich auch auf Kommunikation und Sozialkontakte ausweitet, das war mir gar nicht so klar.

Mit dem Verzicht auf Konsum ist also nicht nur der Verzicht auf Dinge gemeint.

Aufs Kaufen zu verzichten ist relativ leicht – der Verzicht auf Telefon und Internet und die damit verbundene Isoliertheit und ein bisschen auch eine Art schlechtes Gewissen (weil die anderen ja nicht verstehen warum) ist sehr viel schwerer.

Aber auch Reisen ist eine Art von Konsum. Jedenfalls kostet es auch Geld.

Wir stehen immer wieder vor der Entscheidung: weiter, oder bleiben?

Immer öfter entscheiden wir uns zum Bleiben.

Einerseits verzichten wir so auf das Ausgeben von Geld (und das ist eine sehr schöne Art von Verzicht), andererseits verzichten wir auf die Befriedigung der Neugier.

Am Beginn der neuen Lebensphase (weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll), stand “reisen”, als Alternative zum bisherigen Arbeitsleben. Irgendwie braucht mensch wohl immer eine “Überschrift”.

Wie oft wird man gefragt, was man macht und wie unverständlich ist es, wenn man keine einfache Antwort hat.

“Was machst du?”

“Ich arbeite bei einer Bank.”

Ganz einach, keine weiteren Fragen. Damit scheint jeder etwas anfangen zu können, obwohl meistens niemand wusste, was ich in der Bank eigentlich mache.

Bei: “Was machst du?”

“Reisen.”

gab es, obwohl auch noch eine einfache Antwort, schon nachfragen, vorallem nach dem Wohin.

Was sagt aber, wer weder einem Beruf nachgeht, noch reist?

Keine einfache Antwort mehr.

Nur für mich selbst brauche ich die “Überschrift” nicht mehr.

Ich lebe ohne Überschrift – auch das hätte ich mir zuvor nicht vorstellen können.

Aber es macht die Sache nach außen nicht leichter, denn die anderen denken nach wie vor in Überschriften, Schubladen und mit Stempeln. Das macht vieles ja auch leichter, alles hat seinen Platz.

Aber wo gehöre ich dann hin?

Eine zeitlang hat mich diese Frage ziemlich beschäftigt, aber auch das ist vorbei.

Rahmenlos bin ich nun und ohne Etikett.

Auch ein Verzicht.

Mit dem Reisen ist es aber auch vorbei, weil wir seit fast einem Jahr einen Hund haben. Und auf sie würde ich nicht mehr verzichten wollen, da verzichte ich lieber auf Fernreisen.

So fließt das Leben dahin, alles ändert sich stetig und wer weiß schon, was kommt.

Früher mal habe ich daran mit Schrecken gedacht, fühlte mich fremdbestimmt und wollte “meinen eigenen Fluss”.

Er floss zu schnell und in – aus meiner Sicht- die falsche Richtung.

Jetzt bin ich zufrieden mit meinem Fluss und ich bin gespannt, was hinter der nächsten Kurve auf mich wartet.

Und du?

Wie fließt es sich so in deinem Fluss?

 

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About Steffi

Mein Name ist Steffi. Zusammen mit meinem Mann Olaf und unserer Hündin Lucy wohne ich in einem ausgebauten LKW mal hier mal da – meistens dort. Bevor ich zum „Leben auf Rädern“ kam, bin ich mit dem Fahrrad gereist. Davor lebte ich in einem Haus, hatte einen ganz normalen Job bei einer Bank  - der ganz normale Wahnsinn... Schnell habe ich festgestellt, dass das nicht alles sein kann. 2002 nahm ich ein Jahr Auszeit und bin so auf den Geschmack gekommen. Seit 2007 bin ich wieder unterwegs und mein Leben hat sich komplett geändert. Folge mir via Feedly und Bloglovin´

12 comments

  1. Martin Schepers

    Hallo Steffi! Ist das euer aktueller “Zustand”? Ich dachte, ihr wärt wieder Sesshaft geworden.

  2. Guten Morgen Steffi, kein Beitrag wo man mal eben zwischen Tür und Angel eine Antwort verfasst, er regt zum nachdenken an.
    Vieles was du schreibst trifft auch auf uns zu, die alten sozialen Kontakte werden weniger, man hat nicht mehr die gleichen Themen, die gleichen Berührungspunkte. Dafür lernt man aber viele andere Menschen kennen, wenn auch nicht alle in ihrem Mobil leben, so verbindet einen zumindest das gleiche Interesse.
    Oft kommt die Frage, wo kommt ihr her? Das war Anfangs gar nicht so leicht zu beantworten. Was denkt das Gegenüber wenn ich antworte, wir kommen aus Deutschland, leben im Mobil? Mittlerweile geht dies flüssig von den Lippen, die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, aber noch nie wirklich negativ.Zumindest nicht vor dem Rücken 🙂
    Leben im Wohnmobil und Konsum passt irgendwie nicht wirklich zusammen, und somit verzichten auch wir auf alles überflüssige. Internet ist wichtig, drei volle Tanks (Diesel, Wasser, Gas) sind wichtig. Konsumverzicht bedeutet für uns aber auch, Alternativen zu Stellplätzen zu suchen die Geld kosten. Und so haben wir schon einige schöne Plätze entdeckt abseits vom Mainstream.
    Reisen, bedeutet für uns nicht täglich endlos viele Kilometer abspulen zu müssen. Es gab Tage da sind 200 km gefahren, aber ebenso gab es Tage wo wir mal eben 15 km geschafft haben, weil wir wieder etwas entdeckt haben wo es sich lohnte genauer hinzu schauen.
    Die nächsten Wochen stehen wir noch in Bückeburg, warten ist angesagt und dann schauen wie es mit dem Reisen weiter geht.
    Ich wünsche euch ein frohes Neues Jahr.
    Herzliche Grüße Gabriele

  3. Hi Steffi,
    schöner Beitrag von Dir!
    Für mich gibt es im Moment noch eine Überschrift: “Aussteiger”. Zumindest bis April. Damit habe ich die Frager schnell geschockt und beschäftige mich auch nur mit denen, die wirkliches Interesse zeigen. Das Thema Fernseher bzw. diverse Sendungen sind bei uns schon seit Jahren keine Themen mehr. Auch wenn ich im Verkauf arbeite – ich schüttel immer noch den Kopf über die “Verdummung” der Leute. Mich fragt auch schon seit Jahren keiner mehr “Haben Sie das oder das gesehen?…”
    Ich kann damit prima Leben 😀
    Ganz liebe Grüsse, Claudia

    • Hallo Claudia!

      “Aussteiger” ist für mich irgendwie nicht die passende Schublade. Ich habe gar nicht so das Gefühl, aus irgendetwas auszusteigen. Irgendwie ist man ja immer ein Teil von etwas. Wenn auch manchmal nur partiell. “Einsteiger” fände ich da schon besser. Doch irgendwie sind diese Begriffe ja auch nur Momentaufnahmen. Aussteigen macht man ja nur einmal. Man steigt aus… und dann? Es gab in meinem Leben wohl auch den Moment, wo ich ein Aussteiger war, aber dieser Moment ist vorüber.

      Letztens habe ich den Begriff “Lifestyle Traveller” gehört. Den finde ich ganz gut: http://en.wikipedia.org/wiki/Lifestyle_travelling
      Das könnte eine Überschrift sein, falls ich mal wieder eine benötige.

      Viel Spaß beim Aussteigen!
      deineSteffi

  4. Hallo Steffi
    Bei einer weiteren (Neu-)Orientierung, Suche nach Hinzuverdienstmöglichkeit, bin ich über MyWirelessLife auf Deiner Homepage gelandet.
    Hier finde ich vieles geschrieben das ich ebenso empfinde, denke, lebe – seit 1995. Mein “Fluß” der letrzten Jahre:
    Seit 1995 ohne Dauerarbeitsplatz, ohne Wohnung, ohne Rentenversicherung, Arbeitslosengeld etc. inkl. 17 Jahre ohne Krankenversicherung,
    1995-1999 leben im Womo,
    1999-2007 arbeiten + leben in USA 5 Jahre, Italien 10 Monate, Neuseeland 4 Monate, Südafrika 4 Monate, England 2 Jahre,
    2006-heute wieder ganzjährig leben im Wohnmobil und arbeiten nur noch im Winter in D, A, CH, im Sommer Reisen zum Drachenfliegen, seit
    10/2013 wieder krankenversichert, seit
    6/2014 Rente – zu wenig um allein davon Leben, Reisen, Fliegen, Lebensgestaltung wie ich es möchte.
    Suche nun Geldverdienstmöglichkeit im und vom WoMo aus, woimmer ich auch bin.

    Alles Gute bei Deiner / Eurer Reise.
    Gruß
    Reinhard

  5. Hallo Stephi,

    zu Beginn habe ich ja mehr oder weniger intensiv an deiner Lebensveränderung teilgehabt, wobei ich dich im “normalen Leben” (Ich arbeite in einer Bank) eigentlich nicht kannte. Ich empfinde deinen Text als stimmig und authentisch und kann mir gut vorstellen, dass es so für dich weitergegangen ist und du zum Leben ohne Überschrift gekommen bist, auch wenn ich dir nun kaum noch begegne. Da mein Leben gerade in die andere Richtung geht und gehen muss, weil ich zuvor nie in einer Bank gearbeitet habe, kann ich mich gut wiederfinden, in den beschriebenen Erschöpfungsmomenten z.B. Aber durch meine Lebensphase in Bangladesch habe ich mir dennoch einiges behalten, was mit deinen Gedanken zu tun hat und es tut mir gut und tut weniger gut, davon abzulassen: Es tut gut, weniger zu konsumieren, es tut gut, nicht immer online zu sein und es tut gut, ja auch gut, zu verharren, einen Lebensbereich anzunehmen mit all seinen Unzulänglichkeiten. Denn dass wir in unserem Leben alles erleben müssen, das ist ja auch eine Plage.
    Liebe Grüße und alles Gute und toi toi toi!
    Juli

    • Mensch Juli! Vielen Dank für deinen tollen Beitrag. Wir haben uns so lange nicht gesehen – schön, dass du uns noch folgst. Wir wünschen dir alles Gute und viel Erfolg beim Annehmen der Unzulänglichkeiten.

  6. Hallo Sebastian! Danke für deinen Kommentar 🙂
    Ja, ein Leben ohne Reisen ist eigentlich gar nicht vorstellbar und ein Leben ohne Kontakt zu anderen wahrscheinlich ziemlich ungesund. Natürlich mache/habe ich beides nach wie vor. Nur vielleicht anders. Nicht immer erreichbar, nicht immer online. Ich habe auch gar kein Smartphone… Trotzdem bin ich meistens unter Menschen. Jetzt zum Beispiel sind wir für einige Wochen zu Besuch bei Freunden auf dem Land. Wenn, dann richtig 🙂

  7. Hi Steffi,
    ein sehr inspirierender Beitrag und interessante Ausführungen zum Leben auf Rädern nach 5 Jahren. Ich kann dich gut verstehen, wenn du von deinem “eigenen Fluss” schreibst. Auch ich wollte das in meinem Angestelltenverhältnis immer haben und bin auf einem guten Weg dahin 😉
    Interessant auch die Überlegungen zum Konsumverzicht. Mir fällt es auch nicht schwer auf physische Dinge zu verzichten, jedoch ist das Leben ohne Reisen und soziale Kontakte schwer vorstellbar.
    Liebe Grüße,
    Sebastian

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