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Wir feiern: Unser Laster wird 50!

Am 12.4.1967 hat unser treues Reisegefährt – ein Mercedes LA 710 GRKW – das Licht der Straße erblickt. Heute feiern wir seinen 50. Geburtstag!

Lange haben wir darüber nachgedacht, ob dies ein Thema ist, das es wert ist thematisiert zu werden und auf welche Art und Weise. Für uns ist ein Auto ein Gebrauchsgegenstand. Wir finden es auch irgendwie albern, Dingen einen Namen zu geben. Daher hat unser Laster auch keinen. Eigentlich möchten einem Ding, wie einem Auto, nicht emotional verbunden sein. Aber das ist gar nicht so leicht.

Im Frühling 2009 haben wir den Mercedes Kurzhauber LA 710 gekauft. Seit Winter 2009 ist er unser ausschließliches Zuhause. Im Laufe der Zeit haben wir festgestellt, dass das mit der Vermeidung einer emotionalen Verbindung nicht wirklich klappt. Die viele Zeit und das ganze Geld, das in dieser Zeit in das Fahrzeug geflossen sind, sind ein Grund dafür.

Auch macht es immer wieder Freude zu sehen, welch positive Wirkung unser Gefährt auf Menschen hat. Dieser Aspekt war uns vorher gar nicht klar und wir merken, dass wir eine Verantwortung einem historischen Kulturgut gegenüber übernommen haben.

Für uns ist dieses Fahrzeug einerseits Fluch, andererseits ein Segen.

Der Fluch des Mercedes 710

Fluch deshalb, weil es schwer ist, sich mit so einem Fahrzeug im heutigen Wahnsinn des Straßenverkehrs zu behaupten.

Nur 100 PS, bei fast 7 Tonnen Kampfgewicht und dem Fahrverhalten einer Wanderdüne.

Heutzutage ist es kaum noch irgendwo möglich entspannt mit Tempo 50 über die Landstraßen zu cruisen. Wir fühlen uns immer als Steh im Weg, als Hindernis für die anderen. Was den Spaß am entspannten Reisen trübt.

Es ist kein Fahrzeug, das dafür gebaut wurde lange Strecken komfortabel zurück zu legen. Es ist gnadenlos laut. Bei Tempo 70 müssen wir uns im Fahrerhaus anschreien.

Die fehlende Servolenkung, eine schwer zu tretende Kupplung und lange Schaltwege, setzen einen nicht unerheblichen Kraftaufwand voraus.

Der Wartungsaufwand ist mit dem Wartungsaufwand moderner LKW nicht zu vergleichen. Alle 1.500, 3.000 und 8.000 km haben wir irgendwelche Aufgaben zu erledigen. Rundgang mit der Fettpresse, Filter spülen, Druckluft entwässern, etc.

Ersatzteile gibt es mittlerweile nicht mehr ganz selbstverständlich beim Händler um die Ecke zu kaufen. So müssen ständig Alternativen – zum Beispiel zeitaufwendig auf dem Gebrauchtteilemarkt – gesucht werden. Dort werden Ersatzteile nicht unbedingt günstiger.

Gutes Beispiel dafür ist die Windschutzscheibe. Früher gab es die Originalscheibe für rund 250 Euro bei Mercedes. Als uns letztens auf dem Weg nach Portugal die Scheibe kaputt gegangen ist, gab es sie nur noch über die Classic Abteilung und hat so mal eben mit Einbau und Dichtung über 1.500 Euro gekostet.

Der ewige Kampf gegen den Rost vor allem an der Karosserie ist ein weiterer Fluch. Eine komplette Restaurierung kam für uns nie in Frage. Auf Grund des Gesamtzustandes des Fahrzeuges, aber vor allem aus Mangel an Möglichkeiten. So müssen wir nun mit den optischen Einschränkungen leben. Gerade dies tut uns aber doch in der Seele weh.

Der niedrige Koffer mit dem runden Dach bietet Stehhöhe nur in der Mitte und wenig Staumöglichkeit im oberen Bereich. Im Vergleich zu Fahrrad und Zelt, oder dem VW-Bus den wir zuvor hatten, ist der LKW platzmäßig schon sehr luxeriös. Mit dem vorhandenen Platz kommen wir nach jetzt fast 8 Jahren aber auch nur so gerade hin.

Warum halten wir also seit Jahren konsequent an diesem Fahrzeug fest?

Segen Mercedes 710

Die Kosten für den Unterhalt sind relativ niedrig. Mit H-Kennzeichen bezahlen wir 192 Euro Steuern pro Jahr. Für die Haftpflichtversicherung 170 Euro pro Jahr. Dadurch das die Technik recht einfach zu durchschauen und zu beherrschen ist, können wir viele Arbeiten selbst erledigen. Daher fallen für die Wartung eigentlich nur Kosten für Fett, Öl und hin und wieder ne Dichtung und n Simmerring an.

Elektrik ist nur sporadisch vorhanden. Druckluft gibt´s nur für die Bremse. Wir haben kaum ein Fahrzeug gesehen, dass einfacher gebaut ist. Aufgrund der großen Bodenfreiheit kommt man überall gut an. Durch die Haube ist der Motor super gut zugänglich. So muss man sich nirgends die Finger brechen, wenn man mal irgendwo ran muss (ganz anders als damals mit unserem VW-Bus und den Glühkerzen).

Wegen des Krankenwagenfahrgestells gibt es ein sämftenartiges Fahrgefühl auch auf schlechten Strecken. So werden wir und die Einrichtung meistens von heftigen Stößen verschont.

Nach dem Kurzhauber drehen sich sogar Frauen um. Er hat einfach eine sehr positive Wirkung auf die Menschen. Er fällt irgendwie immer auf – was dann auch wieder Fluch sein kann.

Mit Problemen ist man nie alleine, da sich immer helfende Liebhaber des Haubers finden. So haben wir schon viele tolle Leute kennengelernt. Danke euch allen.

Großes Thema ist auch der Mangel an Alternativen. Wir haben nur ein begrenztes Budget und beide nur einen Führerschein bis 7,5 Tonnen (Klasse 3). So kommen wir immer wieder zu dem Schluss, dass das günstigste Auto das ist, was man schon hat.

Größer, teurer und besser geht irgendwie immer. Aber das ist nicht unser Ziel. Uns geht es auch darum, den Ball flach zu halten und mit dem klar zukommen, was wir haben.

Gerade der Mercedes 710 ist ein recht leichter 7,5 Tonner. Das Fahrgestell ist angeblich unterdimensioniert und soll extremen Fahrbedingungen nur bedingt stand halten. Der Vorteil dabei ist, dass er durch das geringe Eigengewicht eine große Zuladung hat und wir selbst komplett reisefertig nicht an die Grenze des zulässigen Gewichts kommen.

Als Alternative kommt für uns eigentlich nur ein LKW mit Leiterrahmen in Frage. Mit möglichst viel Bodenfreiheit. Allrad ist uns mittlerweile doch wichtig. Einfache Technik, damit wir weiterhin das meiste selbst machen können. Er sollte nicht zu hoch sein und auch keinen kleineren Koffer haben. Nicht mehr als 7,5 Tonnen wiegen. Am besten H-Kennzeichen fähig sein. Und er sollte nicht so teuer sein, damit ein Totalverlust finanziell zu verkraften wäre.

Das schränkt die Auswahl an alternativen Fahrzeugen enorm ein.

Zur Geschichte unseres Mercedes 710

Mit dem Tag der Erstzulassung am 12.4.1967 hat der Mercedes Benz LA 710 GRKW das Licht der Straße erblickt.

Das war also heute vor 50 Jahren!

Erstbesitzer war das Bayrische Staatsministerium, wo er als Großraumkrankenwagen im Katastrophenschutz im Einsatz war. Da es zu dieser Zeit wohl nicht viele Katastrophen gab, wurde er nur wenig bewegt und gut gewartet.

Von 1986 bis 1993 fuhr er für das Bayrische Rote Kreuz.

Seit März 1993 befindet sich das Fahrzeug in Privatbesitz. Bis dahin wurde es gerade mal etwa 15.000 km bewegt.

Von den 3 privaten Vorbesitzern wurden diverse Umbauten vorgenommen: Dachgepäckträger, Einzelbereifung, Luftansaugung und Auspuff wurden nach oben verlegt und am Heck wurde ein solider Motorradträger installiert.

Vom 1. privaten Besitzer wurde das Fahrzeug zum Reisemobil umgebaut. Auf sein Konto geht die Ummeldung zum Sonder-KfZ Wohnmobil und die Einzelbereifung. Er ist damit in 6 Jahren 70.000 km gefahren.

Der 2. private Vorbesitzer hatte es 5 Jahre und ist damit knapp 35.000 km gefahren.

Der Dritte hat den Kurzhauber eigentlich nur in seiner Einfahrt stehen gehabt und ist damit gar nicht gefahren.

So haben wir ihn im Mai 2009 mit ca. 120.000 km übernommen.

Wer von den Vorbesitzern den Holzausbau mit Ofen gemacht hat, wissen wir nicht.

Anfangs glaubten wir den vorhandenen Ausbau weiter nutzen zu können. Doch wegen des Schimmels an den Wänden haben wir uns dazu entschlossen den Koffer komplett zu entkernen und mit einfachsten Mittel neu auszubauen.

Zunächst haben wir den Koffer mit einer kältebrückenfreien Isolierung mit Extremisolator versehen und einen einfachen Innenausbau mit 15 mm OSB-Platten realisiert.

Ein Traumauto zu bauen war nie unser Ziel. Wir wollten bloß einen Gebrauchsgegenstand, der uns überall hin trägt. Wo man auch mal den Lack zerkratzen kann, ohne dass das Herz blutet. Eine aufwendige Technik beim Innenausbau war nie unser Wunsch. Alles sollte möglichst einfach und günstig sein.

Schneller als eigentlich geplant mussten wir einziehen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass das Fahrzeug für einen langen Zeitraum unsere Heimat sein würde. So sind wir da irgendwie so reingerutscht.

Gleich der erste Winter war eine Bewährungsprobe und hat uns gezeigt, dass unsere neue Wohnung auch bei Temperaturen bis fast – 20 Grad bewohnbar ist.

Im Sommer 2010 haben wir einige Reparaturen durchgeführt und uns mit der Wartung vertraut gemacht.

Im darauffolgenden Winter 2010/2011 sind wir mit dem Ziel Marokko gen Süden gefahren und in Spanien hängen geblieben.

Seit dem verbringen wir die Sommer in Norddeutschland, sind viel auf Festivals unterwegs, besuchen Freunde, genießen die Einsamkeit in Mecklenburg und Brandenburg. In den Sommern müssen wir auch immer wieder irgendwas am Auto machen. Schon wegen der jährlich anstehenden Hauptuntersuchung.

Wann immer wir es einrichten können, verbringen wir die kalten Wintermonate im Süden Europas. Zuerst in Spanien, mittlerweile ist Portugal unser bevorzugtes Reiseziel.

So hat uns – bis auf einen Reifenplatzer und eine zerbrochene Windschutzscheibe – der Kurzhauber bisher zuverlässig immer ans Ziel gebracht.

Zu seinem 50. Geburtstag hat er nun 167.000 km auf dem Tacho.

47.000 km in 8 Jahren gehen auf unser Konto.

 

***HAPPY BIRTHDAY***

 

 

 

 

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Über Steffi und Olaf

Gemeinsam mit unserer Hündin Lucy wohnen wir in einem ausgebauten LKW mal hier mal da – meistens dort. Bevor wir zum „Leben auf Rädern“ kamen, sind wir mit dem Fahrrad gereist. Davor lebten wir in einem Haus, hatten ganz normalen Jobs - der ganz normale Wahnsinn... Schnell haben wir festgestellt, dass das nicht alles sein kann. 2002 nahmen wir ein Jahr Auszeit und sind so auf den Geschmack gekommen. Seit 2007 sind wir wieder unterwegs und unser Leben hat sich komplett geändert. Folge uns via Feedly und Bloglovin´

2 comments

  1. jetzt hat er aber doch einen Namen verdient, oder?

    Mein Vorschlag: Merlin,
    Mercedes und Zauberer…

  2. Hallochen,
    na dann gibt es ja was zu feiern und habt ihr wenigstens dem Auto, LKW oder wie ihr es auch immer bezeichnet mal was Gutes getan. Nicht das er sich dafür recht und euch stehen lässt so was soll es auch geben 50 Jahre gelaufen und auf einmal kein Bock mehr. Ja unsere Eigentumswohnung ist auch in die Jahre gekommen zwar 12 Jahre jünger aber sie muss kosmetisch begutachtet werden damit wir uns auch neue Nachbarn und vorgärten suchen können. Wir schätzen mal noch 14 Tg dann geht es los… In diesem Sinne schöne Ostern

    Mfg Paps

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